Hitlers Wunderwaffe aus dem Geheimwerk an der Autobahn

Was sie erlebt hat, würde „die Hölle beschämen“ und „den Teufel erröten lassen“: So hat die ungarische Jüdin Eva Langley-Danós beschrieben, was sie im Winter 1945 auf einem 16 Tage langen Transport vom KZ Ravensbrück ins KZ Burgau durchmachen musste. Sie war mit über 70 anderen Frauen in einem Viehwaggon eingepfercht und sollte mit ihnen im Waldwerk Kuno zwischen Zusmarshausen und Burgau arbeiten. Sie sah dem Tod ins Auge. Sie erlebte, wie ihre besten Freundinnen während der Zugfahrt jämmerlich krepierten. Ihren Lebensmut hat sie trotzdem nicht verloren.
Um die Gräuel zu verarbeiten, schrieb sie im Lazarett in St. Ottilien bei Landsberg mit einem Bleistift alles auf und hinterließ der Nachwelt ein Tagebuch, dessen erschreckender Inhalt jegliche Vorstellungskraft übersteigt. Wer die Aufzeichnungen von Eva Langley-Danós liest, wird geerdet und versteht, warum es so wichtig ist, sich mit Geschichte zu befassen. Geschichte mahnt zur Vorsicht, zur Bescheidenheit. Sie warnt vor Extremismus und Gewalt. Manchmal kann sie auch traurig machen.
Die neue Serie über das geheime Waldwerk, das KZ Burgau und die damit verbundenen Schicksale soll keine Abrechnung oder ein oberlehrerhafter Wink mit dem Zeigefinger sein. Sie ist auch keine Schuldzuweisung oder die Fabrikation von schlechtem Gewissen. Die Serie versucht anhand der vorhandenen Quellen darzustellen, was vor über 70 Jahren im Wald vor sich ging. Es geht um die objektive Auf- und Verarbeitung von Ereignissen. Nur wer die NS-Vergangenheit aufarbeitet, kann Hintergründe aufzeigen, kann Erklärungen finden und damit verständlicher machen, was passiert ist.

 

Kommentar: Zukunft braucht Erinnerung

Diese Woche von Maximilian Czysz zum Thema Waldwerk

 Was sie erlebt hat, würde „die Hölle beschämen“ und „den Teufel erröten lassen“: So hat die ungarische Jüdin Eva Langley-Danós beschrieben, was sie im Winter 1945 auf einem 16 Tage langen Transport vom KZ Ravensbrück ins KZ Burgau durchmachen musste. Sie war mit über 70 anderen Frauen in einem Viehwaggon eingepfercht und sollte mit ihnen im Waldwerk Kuno zwischen Zusmarshausen und Burgau arbeiten. Sie sah dem Tod ins Auge. Sie erlebte, wie ihre besten Freundinnen während der Zugfahrt jämmerlich krepierten. Ihren Lebensmut hat sie trotzdem nicht verloren.

Um die Gräuel zu verarbeiten, schrieb sie im Lazarett in St. Ottilien bei Landsberg mit einem Bleistift alles auf und hinterließ der Nachwelt ein Tagebuch, dessen erschreckender Inhalt jegliche Vorstellungskraft übersteigt. Wer die Aufzeichnungen von Eva Langley-Danós liest, wird geerdet und versteht, warum es so wichtig ist, sich mit Geschichte zu befassen. Geschichte mahnt zur Vorsicht, zur Bescheidenheit. Sie warnt vor Extremismus und Gewalt. Manchmal kann sie auch traurig machen.

Die neue Serie über das geheime Waldwerk, das KZ Burgau und die damit verbundenen Schicksale soll keine Abrechnung oder ein oberlehrerhafter Wink mit dem Zeigefinger sein. Sie ist auch keine Schuldzuweisung oder die Fabrikation von schlechtem Gewissen. Die Serie versucht anhand der vorhandenen Quellen darzustellen, was vor über 70 Jahren im Wald vor sich ging. Es geht um die objektive Auf- und Verarbeitung von Ereignissen. Nur wer die NS-Vergangenheit aufarbeitet, kann Hintergründe aufzeigen, kann Erklärungen finden und damit verständlicher machen, was passiert ist.

Einleitung: Eine Zeitreise

In den vergangenen 71 Jahren ist nicht nur viel Laub auf die Reste des Waldwerks gefallen. Die meisten Zeitzeugen sind in der Zwischenzeit gestorben – vor allem Zwangsarbeiter und Überlebende des Holocaust. Sie haben die Fahrt von den Konzentrationslagern Ravensbrück und Bergen-Belsen nach Burgau überlebt. Einige von ihnen mussten im geheimen Waldwerk arbeiten und wurden dann ins Lager Türkheim gebracht, in dem der Nazi-Terror noch immer kein Ende hatte. Viele haben ihre Erinnerungen für die Nachwelt festgehalten. Ihre Interviews  auszuwerten war ebenso Aufgabe der Recherche wie die Suche nach erhaltenen Dokumenten.  Die sind Mangelware – entweder wurden sie noch vor dem Einmarsch der US-Streitkräfte vernichtet oder sind nach Kriegsende nur dürftig erhalten geblieben. Klar: Viele wollten mit dem unrühmlichen Kapitel Geschichte vor der eigenen Haustüre nichts mehr zu tun haben.

 


 

Die Wunderwaffe aus dem Wald

Zweiter Weltkrieg Vor über 70 Jahren wurden bei Zusmarshausen die ersten serienreifen Düsenjäger der Welt montiert. Was davon geblieben ist

Längst hat sich der Wald das zurückerobert, was vor über 70 Jahren für die Geheimwaffe der Nationalsozialisten aus dem Boden gestampft worden war: Ein geheimes Waldwerk, in dem der erste serienreife Düsenjäger der Welt, die Me 262 von Willy Messerschmitt, montiert wurde. Die „Schwalbe“ galt damals allen anderen Flugzeugen im Luftkampf als überlegen. Heute wachsen Moose und Farne auf den Resten des Geheimwerks im Fichtenwald zwischen Zusmarshausen und Burgau. Sie bedecken ein dunkles Kapitel Geschichte: Für die Produktion in der Geheimanlage mit den Tarnnamen Kuno II oder Kiesweg II wurden auch KZ-Häftlinge eingesetzt.

In Viehwaggons gepfercht kamen im März 1945 rund 1000 Jüdinnen nach Burgau. Dort war ein KZ eingerichtet worden. 18 Frauen starben bei der Anreise - Unterernährung und Erschöpfung stand in den Sterbeurkunden. Begraben wurden sie auf dem jüdischen Friedhof in Ichenhausen. Ungeklärt ist dagegen, wer auf der Schwarz-Weiß-Fotografie einer Zusmarshauser Fotografin abgebildet ist. Zu sehen sind etwa 20 Leichen, die im Wald vor einer Baracke liegen. Niemand weiß, wer diese Menschen sind und wie sie starben. Die Fotografin hat der Nachwelt ein Rätsel hinterlassen.

Über Umwege ist der Zusmarshauser Hans-Peter Englbrecht an diese Aufnahme gekommen.

„Hier könnte es gewesen sein“, sagt der 67-Jährige, der früher Hauptschullehrer war. Er steht vor den Resten des ehemaligen Waldlagers, hebt eine Kopie der Fotografie hoch und peilt in Richtung eines betonierten Fundaments, auf dem einmal die Kantine des Geheimlagers gestanden sein könnte. Zwischen Moos, Farn und jungem Bergahorn liegen die Reste aus Rost: Alte Kannen, Ölkanister, ein Topf und dazwischen ein brauner Plastikbeutel, der ohne Zweifel von den Amerikanern stammt: „Menu No. 11, ready to eat, ham slices“ - in Plastik eingeschweißtes Essen, Menü Nummer elf, Schinkenscheiben.

Die Soldaten der 7. US-Armee trauten ihren Augen nicht, als sie im Frühjahr 1945 im Waldwerk zwischen Zusmarshausen und Burgau standen. Dessen Existenz war ein wohlgehütetes Geheimnis, niemand hatte den Wald vor lauter Bäumen gesehen. Und die Einheimischen? Ob sie vom Stolz der deutschen Luftwaffe wussten?

Vermutlich hatten sie geahnt, was im Wald vor sich ging. Einen Fuß ins Sperrgebiet durften sie allerdings nicht setzen. Aber niemandem kann der Höllenlärm entgangen sein, den die Düsenjäger machten. Sie wurden im Werk der Kuno AG endmontiert und dann getestet: Einen Tag im Leerlauf und dann einen Tag bei Vollschub. Anschließend ging es zum Schießstand: Dort wurde ein Ziel in 100 Metern Entfernung anvisiert. Der Kugelfang aus Beton ist heute noch deutlich zu erkennen. War die Bordkanone eingeschossen und justiert, erhielten die Düsenjäger auf der gegenüberliegenden Seite der damaligen Reichsautobahn in einer weiteren Halle ihre Farbe. In der Unterführung unweit der Stelle fürchtete vor 71 Jahren der Zusmarshauser Richard Käßmair um sein Leben.

Die amerikanischen Tiefflieger hatten das Waldwerk angegriffen und mehrere zum Start vorbereitete Düsenjäger zerstört. Die abflugbereiten Maschinen seien an der Autobahn bis Vallried gestanden, so Käßmair. Das war am 23. April 1945 gegen 13.30 Uhr. Für 14 Uhr sei der große Abflug vorgesehen gewesen. Käßmair, durch Kriegsverletzungen gezeichnet, hatte tagtäglich als Elektriker im Waldwerk und im KZ Burgau gearbeitet. Seine Erinnerungen sind erhalten - dank Hans-Peter Englbrecht, der Käßmair mit seinen Schülern vor Jahren befragte. Das Protokoll ist ein wichtiges Dokument, um das Ge-schichtspuzzle von Kuno II zusammenzusetzen. Der Lehrer hatte damals ein einzigartiges Schulprojekt gestartet. Mit den Jugendlichen war er oft zu den Resten des Waldwerks geradelt - Geschichte vor Ort. Erlebnis statt Frontalunterricht.

Käßmair hatte nicht nur den Fliegerangriff miterlebt, sondern auch den Alltag im Waldwerk. Und er wusste um die Zustände im Lager Burgau, ein Außenlager des KZ Dachau: Der Hunger war groß. Wachleute sollen auch weggeschaut haben, wenn sich Häftlinge alte Kartoffelschalen aus dem Müll klaubten und einsteckten. Andere SS-Schergen prügelten angeblich sofort darauf los. Auch mit ein Meter langen Kabelstücken soll zugeschlagen worden sein.

Zwangsarbeiter hatten die Geheimanlage aus dem Boden gestampft. Sie müssen mehrere hunderte Tonnen Erdreich bewegt und ebenso viel Beton gegossen haben. Die Montage der Me 262 erledigten dann KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Fachkräfte und Soldaten. Einer von ihnen war Werner Krebs aus Krefeld. Auch seine Erinnerungen sind erhalten.

Er hatte bereits im Geheimwerk Hessental bei Schwäbisch Hall Flugzeuge montiert, bis seine Kompanie wegen der vorrückenden Amerikaner und Franzosen weiter in den Süden verlegt wurde. Krebs erinnert sich, dass im Werk Kuno II der Grünstreifen der Autobahn um den 20. April 1945 betoniert war, damit das kerzengerade Stück bis Jettingen als Startbahn genutzt werden konnte. Der Mittelstreifen wurde sogar grün gestrichen, damit feindliche Aufklärer nicht hinter das Geheimnis kamen. Augenzeuge Richard Käßmair erinnert sich an eine kleine Feldbahn vom Autobahnsee zum Waldwerk, um schnell viel Kies transportieren zu können. Käßmair: „Als die Startbahn fertig war, konnten die ersten Maschinen starten. Eine stürzte ab, bei Unterknöringen, und ich glaube, dass keine 20 fertigen Maschinen gestartet sind.“

Laut Werner Krebs wurden einige Flugzeuge auf Lastwagen nach Leipheim gebracht, weil der Treibstoff ausgegangen war. Als seine Kompanie das Geheimwerk wegen der anrückenden US-Armee verlassen musste, seien etwa 30 bis 40 flugbereite und munitionierte Me 262 im Wald zurückgeblieben. Einige Mitglieder der Kompanie hätten vorher noch versucht, die Boxermotoren der Maschinen anzustellen, damit sie heißlaufen und kaputtgehen. Das deckt sich mit Käßmairs Erinnerungen: Er wurde in den Wald geschickt, um mit einem Schneidbrenner die Motoren zu beschädigen. Außerdem sollte er die Blaupausen der Pläne für Deutschlands Wunderwaffe zerstören. Aber die brannten offenbar nicht gut. Erhalten geblieben sind sie trotzdem nicht. Nur ein Spezialfernrohr, das Käßmair auf dem Rad nach Hause brachte. Es soll später im Wettersteingebirge aufgestellt gewesen sein. Auch ein Hallendach von Kuno II gibt es noch - wegen der Ausmaße überdeckte es vermutlich die etwa 50 Meter lange Fertigungsstraße mit Montagegrube, die heute noch deutlich im Wald zu erkennen ist. Mit dem Dach samt der einfachen Konstruktion aus Brettern baute ein Pferdehändler aus Gabelbach mit seinem Sohn ein Sägewerk auf. Die Spurensuche ist damit noch lange nicht beendet: Sie wird in den kommenden Wochen fortgesetzt.

 


 

Geschützt vor feindlichen Aufklärern

Der Name: Die Firma Kuno fertigte für die Messerschmitt AG, die bis vor den  Bombenangriffen vor allem in Augsburg und Regensburg produziert hatte. Danach wurde die Rüstungsindustrie dezentralisiert – sie fand dann überwiegend in Waldwerken, in Tunnels oder in Stollen statt. Alles war streng geheim. Die Kuno-Waldwerke bei Zusmarshausen sowie bei Leipheim hatte auch den Tarnnamen Kiesweg.

Der Standort: Geschützt vor den feindlichen Aufklärern bot der Forst zwischen  Zusmarshausen, Scheppach und Burgau mehrere Vorteile: Das Gebiet ist ausgedehnt und wird nur von der Autobahn durchschnitten. Über sie wurden die Flugzeug-Bauteile angeliefert. Gleichzeitig diente die Betonpiste als Startbahn.

Kuno I: Zunächst wurde auf dem Flugplatz Leipheim montiert. Dann wurde die Produktion in den Wald verlagert. Ende April 1944 zerstörten US-Bomber den Fliegerhorst Leipheim – das war vermutlich der Startschuss für das zweite Kuno-Werk bei Zusmarshausen.

Die Produktion: Die einzelnen Großbauteile wie Rumpf, Bugsektion und Bewaffnung wurden zugeliefert. Die Tragflächen kamen etwa aus der „Blechschmiede“ Horgau, die umfassend wissenschaftlich untersucht ist. Das Kuno-Werk im Scheppacher Forst bestand aus Hallen, Baracken und einem Schießstand, der noch heute von der A 8 aus sichtbar ist. Stimmen die Produktionslisten, dann wurden bei Zusmarshausen rund 80 Düsenjets zusammengesetzt.

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Zehn Stockhiebe, weil sich ein Splint gelöst hatte

Zweiter Weltkrieg Überlebende erinnern sich, wie im geheimen Waldwerk Kuno zwischen Zusmarshausen und Burgau gearbeitet wurde

Von Maximilian Czysz
Obwohl erst 18 Jahre alt, war Werner Krebs in ein Geheimnis des Dritten Reichs eingeweiht: Er gehörte zu den Fachkräften, die für das Sonderkommando Me 262 arbeiteten. Seine Erinnerungen geben einen tiefen Einblick in die Abläufe von Kuno II.
Nach seiner Ausbildung an der Fliegertechnischen Schule 4 in Oberschleißheim bei München kam Werner Krebs zunächst nach Schwäbisch Hall, wo Messerschmitt ein weiteres Waldwerk unterhielt. Krebs war für die Abgleichung der Turbinendrehzahl zuständig. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel beschrieb der Krefelder vor Jahren sein Aufgabenfeld im Produktionsablauf:
„Ich kletterte in die Kabine, startete den kleinen Boxermotor und drehte ihn hoch. Dann glich ich die Drehzahlen ab. Zuletzt mussten noch die vier Bordkanonen justiert werden, dann war die Me 262 flugbereit. Pro Tag haben wir etwa drei bis vier Flugzeuge zusammengesetzt. Am nahe gelegenen Flugplatz wurden die Maschinen eingeflogen.“
Als die Amerikaner und Franzosen immer näher rückten, wurde seine Kompanie abgezogen und nach Burgau geschickt.
„Wir wurden nachts um halb vier Uhr geweckt und hatten keine Zeit mehr, ins Werk zu marschieren. Die ersten 25 Kilometer liefen wir zu Fuß, da die Lkw vorausgefahren waren, um das Spezialwerkzeug zu transportieren. Schließlich kamen die Lastwagen, sammelten uns ein und brachten uns nach Burgau. Wir schliefen zwischen Burgau und Thannhausen bei Einwohnern oder in Gastwirtschaften auf Hilfsbetten.“
Auf dem Weg habe er das erste Mal Menschen in gestreiften Anzügen gesehen. Krebs: „Wir hatten auch keine Vorstellung davon, was mit den Häftlingen geschah. Man benannte die bittere Wahrheit meist mit allen möglichen Begriffen, aber nie mit denen, die zutrafen.“ Zum Beispiel habe man die KZ-Häftlinge einfach „Gangster“ genannt. In den Waldwerken bei Schwäbisch Hall und in Burgau seien ihm nie KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter begegnet. Dort habe nur seine Kompanie gearbeitet. War das KZ Burgau zu diesem Zeitpunkt schon evakuiert?
Dass jüdische Frauen aus dem KZ und Zwangsarbeiter arbeiten mussten, ist ohne Zweifel belegt. Dutzende Holocaust-Überlebende beschrieben nach dem Krieg, was sie im Waldwerk machen mussten. Einer von ihnen war Aszer Szafran aus dem polnischen Lódz. Er war gerade einmal 15 Jahre alt.
Als er neun war, brach der Krieg aus, mit 14 wurde er aus dem Getto nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Von dort ging es einen Monat später nach Kaufering, dann nach Riederloh, wie der frühere AZ-Chefredakteur Gernot Römer recherchiert hat. Über Augsburg, wo Aszer Szafran im Messerschmitt-Werk arbeiten musste, kam er nach Burgau. Einmal sei er im Kuno-Werk mit zehn Stockhieben bestraft worden, weil sich ein Splint wieder gelöst hatte, den er am Flugzeugleitwerk angebracht hatte.
Ein anderer jüdischer Häftling erinnerte sich: „Wir arbeiteten nachts in einer Fabrik, die Flugzeuge baute. Ich arbeitete in der Abteilung 2, bei der Bremsenprüfung und dem Schraubenfestdrehen.“
Eine Holocaust-Überlebende berichtete, dass 120 Frauen zur Arbeit in zwei Schichten im Lager in Burgau ausgewählt worden waren. Die Frauen seien mit Lastwagen oder auch Bussen abgeholt worden und hätten für die Arbeit im Kuno-Werk dann ein Stück Brot mehr bekommen.
An die dramatischen Szenen des täglichen Wegs in den Wald erinnerte sich Zeitzeugin Paula Brekau, die Gernot Römer für sein Buch „Für die Vergessenen“ interviewt hat. Sie war eine der deutschen Beschäftigten im Kuno-Werk. Paula Brekau: „Sie nahmen die, die kaum noch gehen konnten, zwischen sich und schleppten sie mit.“
Im Waldwerk dürfte es für die von Krankheit und Unterernährung gezeichneten Frauen nicht besser gewesen sein. Laut der Holocaust-Überlebenden Basista Majer aus Polen mussten die jüdischen Frauen zehn bis zwölf Stunden arbeiten. Die Häftlinge seien „auf schreckliche Weise“ bei der Arbeit und im Lager geschlagen worden. Dass jemand erschossen wurde, habe sie aber nicht beobachtet. Auch der Überlebende Viktor Glaser sagte: „Ich habe in diesem Lager keine Morde gesehen. Die Lebensbedingungen waren schlimm. Aber es herrschten nicht der Terror und die Willkür wie in Kaufbeuren-Riederloh.“
Einige der Frauen waren zur Arbeit auch im Büro von Kuno II eingeteilt gewesen - darunter die Jüdin Ruth Deutscher, wie Gernot Römer recherchiert hat. Sie hatte einen gutherzigen Menschen im Gedächtnis bewahrt.
Mattfeld habe der Mann aus Berlin geheißen. Er sei Kommunist gewesen und deshalb ins KZ gesteckt worden. Mattfeld habe den Frauen nicht nur jeden Tag heimlich etwas zu essen gegeben, sondern auch englische Radiosender eingestellt. Damit seien die Frauen über die aktuelle Lage informiert gewesen - ein Hoffnungsschimmer, der den Frauen wieder Lebensmut gab. Im KZ Burgau gab es den jedenfalls kaum. Als sehr „schlecht“ beschrieb Izchak Tennenbaum die Bedingungen im Lager. Er erinnerte sich, dass der Lagerführer während eines Appells einmal damit gedroht habe, dass er diejenigen erschießen werde, bei denen er Schnürsenkel aus elektrischem Draht findet. Tatsächlich seien „unterwegs viele Häftlinge erschossen“ worden, so Tennenbaum. Was er damit gemeint hat, ist unklar. Vermutlich bezog er sich auf den letzten Weg der Häftlinge, die vor den anrückenden Alliierten weiter in den Süden getrieben wurden.

Möglichst schnell und möglichst viel

Wie die Produktion abgelaufen sein könnte

Hauptsache geheim: Niemand durfte von Kuno II im Scheppacher Forst zwischen Zusmarshausen und Burgau wissen. Deshalb wurde die Anlage gegen unliebsame Blicke von oben mit Netzen getarnt. Wie Fotografien von US-Soldaten zeigen, hingen zwischen den Bäumen auch lange Streifen aus olivgrünen und braunen Stoffen, die aus der Luft wie Baumwipfel wirkten. Die Aufklärer der Alliierten hatten bis kurz vor Kriegsende jedenfalls keine Ahnung vom Werk der Kuno AG.

Auch die Gebäude direkt an der damaligen Reichsautobahn, die als Startbahn für die Me 262 genutzt wurde, waren getarnt. Archäologen stellten bei Ausgrabungen im Zuge des A-8-Ausbaus fest, dass die Eternit-Dachschindeln grün bestrichen waren.

Damit sich niemand unerlaubt Zutritt verschaffen konnte, war das Waldwerk eingezäunt. Daran erinnerte sich Zeitzeuge Philipp Lutz, der in der Glöttwenger Ortschronik zitiert wird. Im Wald habe es auch Drähte mit Sprengfallen gegeben, weiß Zeitzeuge Hubert Hartmann aus Gabelbach. Er war wie viele andere Buben nach Kriegsende zu den zerschossenen Fliegern an der Autobahn geradelt und hatte Elektrik ausgebaut. Die eigentliche Rüstungsfabrik sah aber er nicht.

Grube der Montagestraße ist deutlich zu erkennen

Herzstück des Geheimwerks Kuno war eine lange Werkhalle und eine Montagestraße. Deren Grube ist heute noch im Wald deutlich zu erkennen. Wie in der modernen Autoindustrie konnte dort Flugzeug um Flugzeug wie am Fließband zusammengebaut werden. Für jeden Takt war eine Zeitspanne vorgegeben.

Rumpf, Bug, Bordinstrumente, Elektrik, Pedale, Konsolen, Hydraulik, Steuergestänge, Seilzüge, Sauerstoffanlage, Fahrwerk, Treibstofftanks, Maschinenkanone, Ruder, Tragflächen: Im Waldwerk wurden die Einzelteile für die Me 262 zusammengesetzt. Sie stammten aus anderen Produktionsstätten und wurden über die Autobahn angeliefert. In der „Blechschmiede“ in Horgau entstanden zum Beispiel die Tragflächen. Die Triebwerksverkleidungen stammten aus Lauingen, der Rumpf aus Obernzell bei Passau und Regensburg, die Triebwerke wurden von Junkers zum Beispiel in Nordhausen gefertigt.

Bordkanonen wurden nahe der Autobahn eingeschossen

War die Me 262 mit überwiegend Nieten montiert, mussten Steuerung und Triebwerke überprüft werden - einen Tag lang im Ruhelauf, danach bei vollem Schub. Daran erinnerte sich Richard Käßmair, der damals im Werk als Elektriker gearbeitet hatte. Die Bordkanonen wurden an einem eigenen Stand eingeschossen, der sich westlich des Geländes befand - also unweit der Stelle, wo die Flugzeuge zum Start mit einem Lanz-Bulldog auf die kerzengerade Autobahn gezogen wurden. Für Andreas Heinfling aus Roßhaupten war es der größte Augenblick: Er durfte im Cockpit sitzen. Ein Mechaniker hatten den Buben mit aufs Kuno-Gelände genommen. Dort gab es auch eine Kompensierscheibe (siehe Bericht rechts). Zuletzt wurden die Düsenjäger lackiert.

Mehr Aufschluss über die Anlage gibt ein Schriftstück, das der Geschichtsinteressierte Daniel Geiger entdeckt hat: ein Brief der Oberbauleitung Schwaben der Organisation Todt an den „Anlaufbeauftragten für Me 262“, Degenkolb. Darin ist von allgemeiner Materialnot und Abstimmungsschwierigkeiten die Rede. (mcz)

Auf Kurs gebracht

Technik: Wie der Mutterkompass der Flugzeuge justiert wurde

Ein Stück Technik-Geschichte, das mit dem Ausbau der Autobahn verschwunden ist: Mit einer Kompensierscheibe wurden die Düsenjäger Me 262 auf Kurs gebracht. Wie genau das funktionierte, ist im Jahrbuch 2011 der Archäologie in Bayern beschrieben.
Mit der Anlage sollte die Abweichung des Magnetkompasses, der in den Düsenjägern eingebaut war, ausgeglichen werden. Logisch: Für die Ungenauigkeiten sorgten die Metallteile der Me 262. Entsprechend durfte in der Anlage mit einem Durchmesser von knapp sieben Metern kein Eisen verbaut werden. Wie die Archäologen der Ausgrabungsfirma Archbau bei ihrer Ausgrabung vor dem Ausbau der A8 herausfanden, war die Scheibe in aufeinanderfolgenden Arbeitsschritten aus Beton gegossen worden.
In der Praxis wurde ein Flugzeug auf eine Drehscheibe aus Holz gestellt, die auf einem Betonring im oberen Drittel der Scheibe lag und durch eine zentrale Drehachse gestützt wurde. So ließ sich die Me 262 drehen und Abweichungen des Mutterkompasses ermitteln. Ausgeglichen wurden sie laut Bericht der Archäologen durch eine Steckvorrichtung aus Magnetnadeln. Damit sich die Scheibe drehte, gab es vermutlich einen Auftrieb durch eine Wassersäule in der etwa zweieinhalb Meter tiefen Anlage. Jedenfalls zeugt davon eine Zuleitung aus Tonröhren, die von Nordwesten zur Scheibe führte. Bei den Ausgrabungen entdeckten die Forscher auch Betonfundamente von mindestens drei weiteren Gebäuden. Wegen der Mächtigkeit einiger Pfeiler sei es gut möglich, dass sich ein Prüfstand westlich der Scheibe befunden hat. Auch ein weiterer Fund untermauert die These: Westlich der Pfeilerfundamente wurde ein zerrissener Triebwerksrest gefunden. (mcz)

Info: Zwangsarbeiter im September 1944 im Wald

Vermutlich hatten Zwangsarbeiter aus dem Osten das geheime Waldwerk im Scheppacher Forst zwischen Zusmarshausen und Burgau aufgebaut. Darauf lässt eine „Aufstellung über die

im Lager Kuno Burgau untergebrachten Ostarbeiter“ schließen. Aufgeführt sind 40 Namen samt Häftlingsnummern – überwiegend Männer im Alter zwischen 16 und 53 Jahren, beschäftigt von der Kuno AG oder der Holzmann AG. Die Liste trägt das Datum 30. September 1944. Vermutlich waren es aber mehr Arbeitskräfte, die Kuno II aus dem Boden stampfen mussten. In einem Brief der Einsatzgruppe V1, Oberbauleitung Schwaben, der

Organisation Todt (OT), sind 55 Arbeitskräfte aufgeführt. OT – benannt nach Fritz Todt – setzte damals mithilfe der SS Bauvorhaben der Nazis um. Aufschluss über die Arbeiter vor Ort gibt auch eine Transportliste vom 11. Februar 1945, die im Burgauer Stadtarchiv einsehbar ist: 102 Häftlinge wurden aus dem KZ Pfersee an die Mindel gebracht. Bei den Messerschmitt-Werken hatten sie offenbar Erfahrung beim Zusammenbau der Flugzeuge gesammelt. Der Älteste war 50, der Jüngste 17. Sie kamen in einem abgetrennten Bereich des eigens errichteten Konzentrationslagers unter.

Das Lager wurde dann ab März 1945 Schicksalsort für 978 jüdische Frauen aus den KZ Bergen-Belsen und Ravensbrück. 120 von ihnen wurden für die Arbeit im Kuno-Werk ausgewählt. Sie lackierten hauptsächlich die fertig montierten Düsenjäger. Laut dem Zusmarshauser Zeitzeugen Richard Käßmair, der vor Jahren gestorben ist, begleiteten zehn bis zwölf deutsche Soldaten einen Arbeitstrupp. Einmal hätten alle Schichten zu Fuß den Weg zwischen Burgau und dem Kuno-Werk zurücklegen müssen. Was war vorgefallen? Einem Buben, der zwischen Lager und Werk als Melder für die SS-Männer hin- und herlief, sei ein Stück Brot gestohlen worden. Darauf habe es die Strafaktion gegeben. Käßmair erinnerte sich auch an russische Arbeiter. Sie hätten Kerosin als Schnapsersatz getrunken, obwohl davor gewarnt worden sei.

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„Das Flugzeug wurde kompromisslos auf Geschwindigkeit getrimmt“

Interview Der Chef-Testpilot der Airbus Defence and Space Deutschland, Gerhardt Krähenbühl, ist die Me 262 schon geflogen. Sie war der erste serienreife Düsenjäger der Welt

Von Maximilian Czysz

Die Messerschmitt Me 262 war der erste einsatzfähige und in Serie gefertigte Düsenjäger der Welt. Um das Flugzeug rankt sich ein gewisser Mythos. Den kennt auch Gerhardt Krähenbühl, der als Testpilot für Airbus Defence and Space schon im Cockpit eines Me-262-Nachbaus gesessen ist. Im Interview berichtet Krähenbühl von den Flugeigenschaften der Maschine, die 1942 erstmals mit zwei Düsentriebwerken abgehoben ist. Die Me 262 sollte im Zweiten Weltkrieg als Abfangjäger gegen feindliche Bomberverbände eingesetzt werden, wurde dann aber auf Hitlers Befehl zu einem Blitzbomber umgerüstet. Einige Maschinen wurden im geheimen Waldwerk Kuno zwischen Zusmarshausen und Burgau gefertigt und dann auf der damaligen Reichsautobahn gestartet.

Was für ein Gefühl war das, in den Nachbau einer Me 262 zu steigen und dann den Schub zu spüren?

Gerhardt Krähenbühl: Verglichen mit einem Eurofighter hat die Me 262 nur mäßigen Schub. Das Gefühl, in einer Legende zu sitzen und sie zu fliegen, war aber gewaltig. Da die Me 262 kein Zweisitzer ist, war ich bei meinem Erstflug ganz auf mich allein gestellt. Im Vorfeld habe ich eine mündliche Einweisung von einem erfahrenen Piloten erhalten. Bei alten Flugzeugen wie diesem muss man beim Fliegen immer sehr genau spüren und zuhören, was einem das Fluggerät sagen will. Als ich dann in der Luft war, begann das zarte Kennenlernen. Es war einfach unbeschreiblich, und ich möchte diese Erfahrung nicht missen!

Die Me 262 wirkt so klein und entpuppt sich dann doch als Kraftpaket mit seinem Antriebssystem Turbine-Luftstrahl: Hat man beim Fliegen die Ingenieurleistung, die Willy Messerschmitt und seiner Mannschaft gelungen ist, vor Augen?

Krähenbühl: Aber sicher. Das Flugzeug war damals seinen Konkurrenten um Jahre voraus und das spürt man auch beim Fliegen. Die Flugleistungen sind viel besser als bei erstklassigen Propellerflugzeugen aus dieser Zeit - und dies ohne das ohrenbetäubende Brummen der damaligen Kolbenmotoren. Das Flugzeug wurde kompromisslos auf Geschwindigkeit getrimmt, was beim Fliegen sofort auffällt. Der Entwurf war genial. Es wurden zum ersten Mal Pfeilflügel, automatische Vorflügel, ein Bugfahrwerk und Strahltriebwerke verwendet. Die Letzteren waren mit einem achtstufigen Axialverdichter ausgerüstet, der heute immer noch Standard ist.

Die Piloten rühmten die Maschine im Zweiten Weltkrieg wegen ihrer guten Flugeigenschaften bei der für damalige Verhältnisse unglaublichen Geschwindigkeit. Wie würden Sie die Eigenschaften aus heutiger Sicht zusammenfassen? Lassen die Eigenschaften einen Vergleich mit einer modernen Maschine zu?

Krähenbühl: Nein, man kann diese Generation von Jetflugzeugen sicherlich nicht mit den heutigen vergleichen. Was sich aber zeigt: Mit der Me 262 wurde das Jetzeitalter eingeläutet. Das sanfte Durch-die-Lüfte-Brausen ist bis heute gleich geblieben, wenn auch mit viel mehr Leistung und Geschwindigkeit.

Und die Flugeigenschaften?

Krähenbühl: Wenn beide Triebwerke sauber arbeiten, ist das Flugzeug recht einfach zu fliegen. Obwohl man keine Unterstützung durch Computer hat, ist das Abkippverhalten sehr zahm und stellt den Piloten vor keine großen Probleme. Da das Flugzeug für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt wurde, musste man im Kurvenkampf Abstriche machen. Das heißt, die Piloten haben mit der Me 262 ihren gewaltigen Geschwindigkeitsvorteil ausgenutzt, direkt angegriffen und sind wieder mit hoher Geschwindigkeit weitergeflogen.

Die Me 262 sollte eine Geschwindigkeit von rund 900 Stundenkilometer erreichen. Sind Sie bei Ihrem Testflug an die Grenzen der Maschine gegangen oder wäre das zu gefährlich gewesen?

Krähenbühl: Das Flugzeug ist im Nachbau auf 320 Knoten zugelassen, was einer Geschwindigkeit von 590 Stundenkilometern entspricht. Es wurden Berechnungen angestellt, die zeigten, dass eine Geschwindigkeit von 760 erlaubt sein würde, diese wäre aber mit weiteren Flugversuchen verbunden, für die jetzt noch nicht die richtige Zeit ist. Wenn man den Geschwindigkeitsbereich eines Flugzeuges eröffnet, geht man behutsam Schritt für Schritt vor, damit die Gefahr eines Unfalls minimiert wird. Eine Eröffnung auf 760 Stundenkilometer sollte somit nicht gefährlich sein, wenn man in kleinen Schritten dem Ziel entgegengeht und jederzeit die Möglichkeit hat, abzubrechen, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht. Heutzutage sind Testflüge so aufgebaut, dass wenig Restrisiko vorhanden ist. Man kann es sich nicht leisten, Besatzung und Maschine zu verlieren. Als Testpilot lernt man, Risiken abzuschätzen, sie zu minimieren und damit zum Ziel zu kommen.

Die Me 262 war ursprünglich als Abfangjäger gedacht, musste dann aber auf Hitlers Wunsch zu einem „Blitzbomber“ umgebaut werden. Alles in kürzester Zeit, was wohl auch für Abstriche sorgte. In welchen Zeiträumen spielen sich heutzutage im Flugzeugbau die Abläufe von der Idee bis zur Umsetzung ab? Welche Rolle spielen dabei die Testflüge?

Krähenbühl: Für mich ist es immer noch sehr beeindruckend, wie schnell die Entwicklung dieses Flugzeugs vor sich gegangen ist. Start war 1939, und der Erstflug fand 1942 statt. Dies zeugt von genialen Ingenieuren und auch dem Druck, dem Gegner schnell etwas entgegenhalten zu können. Obwohl man heutzutage Unterstützung von Computern hat, dauern Flugzeugentwicklungen 10 bis 20 Jahre, vom Sammeln der Anforderungen bis zur Abgabe an die Truppe. Systeme sind so komplex und teuer geworden, dass man vermehrt in Kooperationen mehrerer Unternehmen und Nationen ein Flugzeug entwickelt. Testflüge sind essenziell, da man auch mit den besten Berechnungen nicht genau weiß, wie sich das Flugzeug schlussendlich verhält. Der Testpilot bewertet dann, ob dieses Produkt den Anforderungen gerecht wird oder ob noch nachgebessert werden muss. Er stellt schlussendlich die Flugtüchtigkeit fest und schaut, ob der Kunde das erhält, was er bestellt hat. Mit seinem Wissen unterstützt er die Ingenieure bei der Auslegung und bei Verbesserungen des Produktes.

 


 

Auf der Jagd nach immer neuen Rekorden

Porträt Willy Messerschmitt war ein genialer Entwickler. Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge mussten seine Pläne umsetzen

Von Franz Häussler

Augsburg Am 15. September 1978 verstarb 80-Jährig der Flugzeugkonstrukteur, Erfinder, Unternehmer und Mäzen Professor Willy Messerschmitt. Der Name des Diplomingenieurs ist mit Augsburg in vielfacher Weise verbunden. Er drückte einer entscheidenden Epoche in der Luftfahrt-Geschichte seinen Stempel auf.

Willy Messerschmitt, 1898 in Frankfurt geboren, stieß 1913 in Bamberg als Schüler zu den Segelfliegern und baute als 15-Jähriger den ersten Flugapparat. Er studierte an der TU München Maschinenbau und gründete 1923 seine erste Firma, die „Flugzeugbau Messerschmitt, Bamberg“.

1923 kam das Aus für die Augsburger Rumpler-Werke, die mit ziviler Ersatzproduktion die Inflationszeit nicht überstanden. Am 30. Juli 1926 erwarb die neu gegründete Aktiengesellschaft „Bayerische Flugzeugwerke“ (BFW) die Hallen am Flugplatz an der Haunstetter Straße. Sie bauten dort als erstes Modell das beliebteste Schulflugzeug der 1920er-Jahre, die Udet U-12 „Flamingo“ (bis Ende 1929 insgesamt 115 Stück). Am 8. September 1927 schloss Willy Messerschmitt mit den „Bayerischen Flugzeugwerken“ einen Kooperationsvertrag. Er übersiedelte seine gesamte Firma in die Lechstadt und wurde schließlich Technischer Leiter der BFW. Hier entwickelte und baute der begnadete Konstrukteur weiterhin Sport- und Schulflugzeuge, Verkehrs- und Transportmaschinen für zivile Verwendungszwecke, darunter die viersitzige M18 und zehnsitzige M 20 für die Deutsche Lufthansa.

Mit der Taifun auf die Reise

In die militärische Fertigung stieg Messerschmitt 1934 ein. Im Mai 1934 absolvierte sein für Aufsehen sorgender Ganzmetall-Tiefdecker Bf 109 (später Me 109) den Erstflug. In der Folgezeit trugen alle Typen das „Me“ als Kürzel für Messerschmitt. Das Reiseflugzeug Me 108 „Taifun“ fand bereits international große Beachtung. Der am 11. November 1937 von BFW-Chefpilot Dr. Wurster mit 611 Stundenkilometer erflogene Weltrekord für Landflugzeuge rückte Messerschmitt-Maschinen in das Weltinteresse. Dieses sollte sich bald noch weiter steigern: Am 26. April 1939 schraubte Fritz Wendel in einem Sondermodell der Me 209 mit 2500-PS-Motor den absoluten Rekord für Propellermaschinen auf 755 Stundenkilometer. Er hatte 30 Jahre Bestand und wurde erst 1969 eingestellt.

Am 11. Juli 1938 erfolgte der Namenswechsel: Aus den Bayerischen Flugzeug-Werken (BFW) wurde die Messerschmitt AG. Darin lief nun eine immense Kriegsproduktion an. Sie nahm derart gewaltige Ausmaße an, dass die Serienfertigung neben Augsburg an vielen weiteren Standorten erfolgte.

Waren es 1936 in Augsburg noch 4000 Menschen, arbeiteten während des Krieges bis zu 12 000 in Messerschmitt-Produktionsstätten. Über 6000 Me 110 und rund 35 000 Me 109 wurden bis 1945 gebaut. Der sechsmotorige Großraumtransporter Me 323 „Gigant“ (Erstflug 1941) bestand aus Stahlrohr mit Sperrholz und Stoffbespannung war mit einer Spannweite von 55 Metern zeitweise das größte Landflugzeug der Welt.

Die Me 262 war deutlich schneller

Bereits 1939 begann die Entwicklung von Strahlflugzeugen. Das Strahlflugzeug Me 262 flog erstmals am 18. Juli 1942 und ging 1944 in Serie. Welche Entwicklung die Me 262 darstellte, erhellt die Tatsache, dass sie mit 870 Stundenkilometern um 200 schneller war als Jagdflugzeuge üblicher Bauart zu jener Zeit. Im Februar 1941 wurde mit der Me 163 A, einem schwanzlosen Jagdflugzeug mit Raketenantrieb, mit 1003 Stundenkilometern erstmals die 1000er-Marke durchbrochen. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war die Me 163 weltweit das erste in Großserie gebaute und auch eingesetzte Raketenflugzeug.

Insgesamt rund 44 000 Maschinen mit dem Firmen-Kürzel „Me“ im Typenschild wurden bis 1945 gefertigt, über 60 Prozent der deutschen Jagdflugzeuge kamen aus Messerschmitt-Werken. Um diese gigantische Produktion am Laufen zu halten, bedurfte es vieler Tausend Arbeitskräfte. Je länger der Krieg dauerte, um so weniger Deutsche standen zur Verfügung. 1944 arbeiteten in den Messerschmittwerken, die in Augsburg auch eine Reihe von Textilfabriken zweckentfremdet hatten, über 8700 Ausländer sowie KZ- Häftlinge. Für sie war in Haunstetten an der Inninger Straße ein Lager errichtet worden. Die Produktionsstätten und der Flugplatz zogen alliierte Bomber an. Allein der erste Großangriff am 25. Februar 1944 richtete nicht nur verheerende Schäden an den Flugzeugwerken an, ihm fielen auch 170 Menschen zum Opfer. Darunter waren 70 KZ-Häftlinge und Fremdarbeiter. Das Kriegsende stoppte den Rüstungswahnsinn abrupt. 1945 waren in dem 1943 nach Oberammergau verlagerten Messerschmitt-Projektbüro weitere Entwicklungen vom Hochgeschwindigkeitsflugzeug bis zum mehrmotorigen Strahlbomber weit vorangeschritten. Die P 1101 - eine einsitzige Hochgeschwindigkeitsmaschine mit Pfeilflügeln - stellte 1945 das fortschrittlichste Flugzeug dar. Der zu 80 Prozent fertige Prototyp wurde von den Amerikanern in die USA gebracht und diente dort für die berühmte Bell X-5 als Vorbild.

Willy Messerschmitt wurde als Kriegsverbrecher eingestuft und interniert. Im Frühjahr 1948 wieder auf freien Fuß gesetzt, ließ er sich in München nieder. Die Fertigungsbetriebe in Augsburg waren zu 75 Prozent zerstört und standen unter Treuhandschaft. Im November 1949 wurden die Werksanlagen der Messerschmitt AG aus der Vermögensverwaltung der Militärregierung entlassen. Nachdem ein drohender Zusammenbruch abgewendet war, nahmen rund 1000 ehemalige Mitarbeiter eine zivile Produktion auf: Fertighäuser, Nähmaschinen, Klein- und Mittelklasseautos. Zu dem auf drei Rädern fahrenden zweisitzigen Kabinenroller mit Flugzeughaube (im Volksmund „Schneewittchensarg“ genannt), der bis 1956 im Regensburger Messerschmitt-Werk gefertigt wurde, kamen Teile aus Augsburg.

Nach dem Krieg wurden nicht nur Nähmaschinen entwickelt

Der leidenschaftliche Flugzeugentwickler Willy Messerschmitt wurde 1952 nach Spanien gerufen und nahm einen Entwicklungsauftrag für einen propellergetriebenen Trainer an. Düsenmaschinen folgten dieser „HA 100“. Insgesamt 37 Typen vom Motorsegler S 15 (1924) bis zum Düsenjäger Me-HA 300 (1963) zählen zu den Schöpfungen der von Messerschmitt geleiteten Entwicklungsteams.

Die Nachwelt profitiert auch von einer anderen Leidenschaft Messerschmitts: Er war Mäzen. Die Messerschmitt-Stiftung, in die er testamentarisch seine Firmenanteile einbrachte, fördert etwa den Denkmalschutz. Aus diesem Fonds wurden 1,8 Millionen Mark zur Restaurierung der Bronzen des Augustusbrunnens und für den Abguss des Augustus zur Verfügung gestellt.

 


 

Überflieger oder Himmelfahrtskommando

Mit der Me 262 wurde ein neues Zeitalter der Luftfahrtgeschichte eingeläutet. Dafür verantwortlich waren die beiden Strahltriebwerke des Düsenjägers. Deren Funktionsweise ist einfach erklärt: Angesaugte Luft wird komprimiert, dann wird Treibstoff eingespritzt. Der verbrennt und der Abgasstrahl tritt hinten wieder aus. Dabei erzeugt das Triebwerk wie bei einer Rakete einen Schubstrahl. Im Abgasstrahl wird ein Rad mit Schaufeln angetrieben - das ist die eigentliche Turbine, die wiederum einen Kompressor am Triebwerkseingang antreibt. Mancher Pilot dachte sich bei der ungeheuren Kraft der Me 262, dass „ihn die Engel schieben“. Die Me 262 erreichte eine Geschwindigkeit von 870 Stundenkilometern und war damit allen anderen Flugzeugen überlegen.

Die Me 262 war eigentlich von Messerschmitt als Abfangjäger konstruiert, musste dann aber auf Hitlers Wunsch zum Schnellbomber umgerüstet werden. Und damit verlor das Düsenflugzeug seine Geschwindigkeit und seine Flugeigenschaften. Außerdem war die Me 262 im Langsamflug - also bei Starts und Landungen - schutzlos. Mehrfach für Probleme sorgte auch das Fahrwerk, das beim Aufsetzen in die Brüche ging. Bei einem Treffen im Juni 1944 watschte Reichsfeldmarschall Hermann Göring den Ingenieur Willy Messerschmitt ab. Nach einem erhaltenen Protokoll soll er wörtlich gesagt haben: „Sind Sie mir nicht böse, Herr Messerschmitt, das überrascht mich teils sehr, teils aber auch gar nicht, wenn ich an das Fahrgestell der Me 109 denke. Die Beine haben bei Ihnen immer ein bisschen an Muskelschwund gelitten.“ Messerschmitt erklärte das Wegbrechen der Beine nach hinten durch Platzen der Reifen infolge von Flaksplittern; das Fahrwerk an sich sei richtig für die Lasten konstruiert. Zu zwei Unfällen in der Luft sagte Messerschmitt: In einem Fall habe der Flugzeugführer noch durchgegeben, dass er sich nicht wohl fühle. Der Konstrukteur vermutete, dass Verbrennungsgase in die Kabine gelangt waren und der Flugzeugführer dadurch betäubt wurde. Bei einem anderen Unfall sei die elektrische Höhenflossenverstellung in die Endstellung gelaufen, sodass das Flugzeug nicht mehr gehalten werden konnte.

Als größte Schwachstelle der Me 262 galt jedoch das in den Himmel gelobte Strahltriebwerk selbst. Offenbar waren die Brennkammern aus so minderwertigem Stahl gegossen, dass sie nach einigen Stunden Betriebszeit ausgewechselt werden mussten.

Die britische Historikerin Hermione Giffard vom Imperial College in London ging im „Journal of Contemporary History“ dem deutschen Luftmythos auf den Grund. Ihr Urteil über den Düsenjäger war vernichtend: Von 1433 fertiggestellten Flugzeugen seien bis Ende April 1945 nur 358 Maschinen abgehoben.

 


 

Die Me 262 sehen

Im Museum in Manching befinden sich die bekanntesten Entwicklungen von Willy Messerschmitt, darunter die Me 108, Me 109, Me 163, HA 200 und HA 300, zum Teil in flugfähigem Zustand. Die Sammlung würdigt das Lebenswerk des Luftfahrt-Pioniers.

Zu sehen ist auch eine Me 262. Mehr zum Museum und Führungen gibt es im Internet unter www.flugmuseum-messerschmitt.de.

Die Wunderwaffe aus dem Wald

Gummierte Flugkarte von Süddeutschland aus dem Zweiten Weltkrieg
Me 262 im Deutschen Museum in München
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Die Tagesration: eine Scheibe Brot, Kaffee-Ersatz und heißes Wasser

Geschichte Im KZ Burgau befanden sich 1945 über 1000 Menschen. 978 Jüdinnen kamen in Viehwaggons aus Bergen-Belsen und Ravensbrück - todkrank, frierend und halb verhungert

Von Maximilian Czysz

Saftige Wiesen mit Fröschen, die im Sommer nächtelang Konzerte gaben, große Weidenbüschel, Schafherden und Störche, die im Mindeltal Nahrung fanden: Die friedliche Idylle, die der frühere AZ-Chefredakteur Gernot Römer in seinen Buch „Für die Vergessenen“ beschreibt, änderte sich 1944. Neben dem späteren Jahnsportplatz entstehen zehn und später weitere vier Holzbaracken. Dort kommt ein Teil der ausgelagerten Messerschmitt-Verwaltung unter. Im Februar 1945 wird sie geräumt - das Unheil nimmt seinen Lauf.

120 männliche KZ-Häftlinge aus Dachau müssen das 36 000 Quadratmeter große Gelände für eine neue Funktion vorbereiten: Es soll ein Dachauer Außenlager werden. Insgesamt 140 davon entstanden ab 1942 - ein weitverzweigtes Netz für weit über 30 000 Gefangene, die hauptsächlich in der deutschen Rüstungsindustrie schuften.

Damit die geschützte Rüstungsproduktion auf Waldwerk Kuno läuft, wurden Anfang März 1945 insgesamt 978 Jüdinnen aus Polen und Ungarn in Viehwaggons nach Burgau gebracht. 480 kamen aus Ravensbrück und hatten später nach dem Dachauer System die Häftlingsnummern 142954 bis 143433, 498 kamen aus Bergen-Belsen und wurden auf die Nummern 143434 bis 143931 reduziert.

Das Barackenlager war bereits mit Stachel- und Maschendraht umzäunt und hatte Wachttürme erhalten. Die Baracken waren grau gestrichen. So beschrieb Sara Tuvel Bernstein das Lager in ihren Memoiren. Der Geruch von Seife und heißem Wasser habe noch überall in den Wänden gesteckt. Die Jüdin war im April 1945 zu Fuß mit etwa 80 anderen Frauen aus dem Lager Türkheim an die Mindel getrieben worden.

Der Großteil der Frauen kam dagegen mit dem Zug - zusammengepfercht in Viehwaggons unter unvorstellbaren Bedingungen. Viele hatten die 16-tägige Fahrt aus Ravensbrück nicht überlebt. Eva Langley-Dános hat die Gräuel in ihrem Buch „Zug ins Verderben“ festgehalten. Die ungarische Jüdin wurde im KZ Ravensbrück für den Arbeitseinsatz in Süddeutschland ausgewählt. Während der 16 Tage im Viehwaggon unter furchtbaren Umständen erlebte sie, wie ihre Freundinnen starben. Nach den Recherchen von Zdenek Zofka in „Der Ort des Terrors“, herausgegeben von Wolfgang Benz und Barbara Distel, seien viele der Frauen halb verhungert und erfroren gewesen. Viele überleben die Fahrt nicht, vier Frauen starben bei der Ankunft in Burgau und am Tag danach. Viele hätten sich in den Wochen bis zum Kriegsende nicht mehr erholt.

Eva Langley-Dános beschrieb in ihrem Buch „Zug ins Verderben“ auch die Lebensverhältnisse im KZ-Außenlager: Am Morgen habe es vier Deziliter Kaffee-Ersatz, am Mittag sieben Deziliter heißes Wasser als Suppe und am Abend nochmals Kaffee und Brot gegeben. Hunger habe zum Alltag im Lager gehört. Wer im Kuno-Werk arbeitete, erhielt die doppelte Brotration.

Die Holocaust-Überlebende Linda Fishmann bezeichnete im Buch „I survived Hitler“ die Scheibe Brot und die wärmende Suppe in Burgau als „Himmel“. Sie war aus dem KZ Bergen-Belsen noch kärglichere Nahrung gewohnt. Linda Fishmann arbeitete im Kuno-Werk an der Tarnung der Flugzeuge. Sie erinnerte sich an französische Gefangene, die abends das Waldwerk wieder verlassen durften und den Jüdinnen hin und wieder etwas Brot zusteckten. Fishmanns Cousine Dina erkrankte im Lager an Fleckfieber. Sie versuchte, ihr Löffel um Löffel Suppe einzuflößen. Doch die Cousine konnte kaum schlucken. Also hob Linda Fishmann sechs Scheiben Brot für sie auf. Als es Dina wieder besser ging, war das Brot weg. Gestohlen. Wenigstens hatte Linda Fishmann die Gewissheit: In Bergen-Belsen wäre Dina gestorben.

Wie Zdenek Zofka berichtet, wurden 120 Männer und 120 Frauen zur Arbeit ausgesucht. Mit Lastern und Bussen wurden sie zum geheimen Waldwerk Kuno gebracht. Wenn Luftangriffe drohten, mussten sie den Weg in den Wald auch zu Fuß zurücklegen. Andere Frauen mussten laut Zofka Erdarbeiten in Burgau verrichten. Frauen aus der Umgebung, die ebenfalls im Kuno-Werk arbeiteten, hätten bei Bauern Lebensmittel gesammelt und sie den Häftlingen zugesteckt.

Die Verhältnisse im Lager waren einfach. Laut Ruth Deutscher, geborene Szepska (Protokoll in „Für die Vergessenen“ von Gernot Römer), hatte jede Frau eine Pritsche zum Schlafen. Im Kuno-Werk erhielt sie unerwartet Hilfe: Ein Zwangsarbeiter namens Mattfeld habe ihr ein Messer gegeben, als bekannt geworden war, dass das Lager geräumt werden sollte. Der Plan: Ruth Deutscher sollte im KZ die Barackenwand aus Sperrholz durchschneiden und dann flüchten. Das tat sie aber nicht. Sie blieb stattdessen bei ihrer typhuskranken Freundin. Von Mattfeld habe sie dann für die Reise etwas Zucker, Marmelade und Brot erhalten. Davon gab sie ihrer Freundin Roza Raca Jedwab etwas ab. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon bewusstlos. Sie sei dann mit einem eigenen Transport nach Türkheim gekommen, während die meisten Frauen mit einem Güterzug fortgebracht wurden. Roza Raca Jedwab starb wohl im Lager Kaufering.

Bewacht wurden die Häftlinge in Burgau von weiblichen und männlichen SS-Angehörigen. Ein Kontakt zu den KZ-Frauen sei nicht möglich gewesen, sagte die frühere Burgauer SPD-Stadträtin Anni Riehr. „Sie wurden zu gut bewacht“, zeichnete Gernot Römer auf.

Was sich vor den Toren Burgaus auf dem Gelände der heutigen Heimstättensiedlung abspielte, blieb nicht im Verborgenen. Konnte es auch gar nicht. Anni Riehr erinnerte sich, dass Neugierige fortgescheucht wurden, als einer der beiden Transporte mit jeweils rund 500 Frauen Anfang März angekommen war. Sie selbst habe den Elendszug halb erfrorener und halb verhungerter Menschen gesehen. Das Geklapper der Holzpantinen der Frauen sei hörbar gewesen. Anderen Häftlingen begegnete Riehr, als diese mit einem Handwagen in Bäckereien und Metzgereien Verpflegung für das Lager holten.

Franziska Baumeister aus Haldenwang erinnerte sich, dass ein Wachmann zehn Häftlinge ausschwärmen ließ, damit sie in den Bauernhöfen nach Essen betteln konnten. Währenddessen wartete der Posten beim damaligen Schäffler-Wirt ein bis zwei Stunden. Zu ihrer Familie auf den Holdenrieder Hof seien immer zwei polnische Häftlinge gekommen, die recht gut deutsch sprachen. Sie hätten von ihrer Mutter immer eine warme Suppe bekommen und dasselbe Mittagessen wie die Familie. Franziska Baumeisters Mutter versorgte auch die Wunden eines Zwangsarbeiters: „Er war furchtbar abgemagert, und sein Körper war schwer geschunden“, fasste die bereits gestorbene Haldenwangerin ihre Erinnerungen zusammen. Heimlich habe ihm die Familie ein Stück Butter zugesteckt - für die Wunden. Doch vermutlich hatte er es gleich gegessen. Der Mann versprach der Mutter, nach dem Krieg wiederzukommen, um sich zu bedanken. Baumeister: „Aber gekommen ist er nie. Es wurden immer weniger Häftlinge, die damals ausschwärmten.“

Ob es auch ein Wiedersehen mit dem Musikprofessor gab, dem damals Paula Brekau und Gusti Schäffler halfen? Die beiden hatten in der Lohnverrechnung von Kuno II gearbeitet. Wie im Buch „Für die Vergessenen“ nachzulesen ist, soll der inhaftierte Professor seinen jugendlichen Sohn bei sich gehabt haben. So oft die beiden Frauen etwas Essbares dabei hatten, ließen sie die Bürotür offen und stellten die Lebensmittel ab. Dort holte sich der Jugendliche dann das Essen. Paula Brekau erinnerte sich: „Man hat die Häftlinge nicht anschauen können, so abgemagert und verhungert haben sie ausgesehen. Die Frauen waren im kalten Winter erbärmlich gekleidet.“ Einmal habe ein Häftling auf der Suche nach Essen einen Papierkorb im Büro durchwühlt. Die beiden Frauen gaben ihm Kartoffeln und Speckgrieben. Daraufhin sagte er, dass jetzt Weihnachten für ihn sei. Der Musikprofessor dankte den beiden Frauen noch, bevor das Lager im April 1945 geräumt wurde. Er sagte den Kuno-Angestellten: „Ich denke, für uns ist schon der große Ofen geheizt.“

Ein Ende hatte das Grauen in Burgau am 24. April 1945: Das Lager wurde geräumt.

Ferencné Singer verließ bereits am 29. März Burgau und kam am 2. April im KZ Türkheim an. Die Jüdin Magda Neuhauser berichtete, dass sie nach sechs Wochen Lageraufenthalt fliehen musste, da sich die amerikanischen Einheiten genähert hatten. Mit dem Zug ging es nach Kaufering, wo die Flüchtlinge nicht aufgenommen wurden. „Deshalb fuhren wir nach Türkheim“, ist über die Gedenkstätte Yad Vashem herauszufinden. Viele Gefangene wurden auch auf den Todesmarsch geschickt.

Auf dem Weg nach München-Allach seien mindestens 60 Menschen ums Leben gekommen, hatte Zdenek Zofka in „Der Ort des Terrors“ recherchiert. Auf dem Weg von Burgau nach Dachau sollen gehunfähige Häftlinge von SS-Männern erschossen und liegen gelassen worden sein.

 

 

Offiziell gab es 18 Tote

Akten Die Behördenvertreter hatten Angst: Was tun, wenn es mehr Sterbefälle werden?

Erschöpfung, Unterernährung, Herzmuskelschwäche: Das sind die häufigsten Todesursachen, die im Verzeichnis der 18 Todesopfer offiziell aufgeführt werden. 13 Frauen und fünf Männer aus Ungarn starben im Lager. Sie hatten vor ihrer Deportation als Schneider, Beamte, Kürschner oder Maschinisten gearbeitet. Die Sterbeanzeigen hatte Oberscharführer Johann Kullik, der das Lager führte, ausgefüllt. Unterzeichnet wurden die Totenscheine vom früheren Burgauer Arzt Dr. Karl Schäffer, ein Bruder des späteren Finanzministers Schäffer. Der Mediziner beharrte auf einer Untersuchung der Toten. Laut Zdenek Zofka in „Der Ort des Terrors“ besuchte er auch zweimal täglich das Lager, um den vielen Kranken beizustehen.

Um die Frage des Bestattungsorts ging es in einem Schriftverkehr aus dem März 1945. In einem Aktenvermerk wurde zunächst die Ankunft der zwei Züge mit rund 1000 Jüdinnen aus Ravensbrück und Bergen-Belsen vermerkt. Dann ging es um die Frage, ob die Toten auf einer Wiese in der Nähe des „K-Lagers“ bestattet werden können.

Der Plan wurde wegen des Grundwassers verworfen - auch der Vorschlag, einen eigenen Friedhof an der Unterführung der Autobahn zu schaffen.

Die Toten wurden schließlich mit einem Lastwagen der Kuno AG nach Ichenhausen gebracht und dort auf dem jüdischen Friedhof begraben. Der Aktenvermerk beweist, mit welcher Akribie die NS-Behörden arbeiteten.

In dem erhaltenen Schriftstück wird auch auf ein Gespräch mit dem damaligen Landrat Prieger aufmerksam gemacht. Darin geht es um die Bedenken „wegen der zukünftigen Überführung, besonders im Sommer oder wenn die Verstorbenen ansteckende Krankheiten“ haben. Der Landrat soll wegen einer Regelung mit dem Bezirksarzt „Fühlung nehmen“ und eine Weisung erteilen, hieß es.

Die Sterbenden im „K-Lager“ könnten auch keinen Sarg erhalten und die „gesetzlich vorgeschriebene Einsargung nicht vorgenommen werden“. Eine Begründung fehlt - weil die Paragrafenreiter vielleicht ahnten, dass es zu viele Tote werden könnten?

 

 

 

An Ostern „regnete es Kartoffeln“

Zeitzeugen Landwirte wollten helfen. Das hätten sie beinahe mit dem Leben bezahlt

Es gab sie: Menschen, die das Leid im KZ Burgau erkannt hatten und sich trotz aller Angst vor Bestrafung für die Häftlinge einsetzten. Die Überlebende Sara Tuvel Bernstein beschreibt in ihrem Buch „Die Näherin“ eine Hilfsaktion von Landwirten, die diese beinahe mit dem Leben bezahlt hätten.

Sara Tuvel Bernstein war mit etwa 80 Frauen 1945 zu Fuß vom KZ Türkheim an die Mindel getrieben worden. Wie andere Häftlinge grub sie im Lager auf allen Vieren nach Graswurzeln, um an irgendetwas Essbares zu kommen. Die Not war groß: Sie hätte auch Würmer gegessen, wenn sie welche gefunden hätte, schrieb sie. Wie muss es den kranken und schwachen Frauen vorgekommen sein, als plötzlich Kartoffeln über den Stacheldrahtzaun flogen?

Sara Tuvel Bernstein beschrieb den Augenblick genau: „Jemand schrie: Kartoffeln. Es regnet Kartoffeln. Bauern warfen Kartoffel um Kartoffel über den Zaun. Sobald eine auf dem Boden gelandet war, hatten sich schon drei oder vier Frauen darauf gestürzt.“ Als ein SS-Wachmann sah, was am Zaun vor sich ging, habe er zu einem Mann auf dem Turm geschrien: „Erschießt sie, erschießt sie.“ Als die ersten Schüsse fielen, rannten die Bauern übers Feld davon. Danach soll ein SS-Mann gefragt haben, warum die „dummen Bauern so etwas machen“. Der SS-Wachmann, der den Schießbefehl gegeben hatte, antwortete: „Es ist Ostern.“ Am 25. April mussten die Frauen weiter, beschrieb Bernstein - in Waggons. Nacht für Nacht hätten sie das Maschinengewehrfeuer der Flieger und das Dröhnen der Bomber gehört. Am vierten Tag der Zugfahrt seien nicht mehr als 20 Frauen am Leben gewesen. Bernstein wurde in Schwabhausen befreit.

Wie brenzlig es werden konnte, sich für die KZ-Häftlinge einzusetzen, zeigt auch ein anderer Bericht. Eine Burgauerin erinnerte sich an einen Spaziergang am Sonntagnachmittag 1945 mit ihren Kindern. Sie kam an jüdischen Frauen vorbei, die bewacht wurden. Sie mussten ein Loch graben. Ein anderer Spaziergänger, der vor der Mutter lief, fragte den SS-Mann, ob er sich nicht schäme - die Frauen seien doch körperlich am Ende. Daraufhin soll der SS-Mann seine Pistole gezogen und den Mann bedroht haben. Die Burgauerin packte den Spaziergänger am Arm und zog ihn weg - so beruhigte sich der SS-Mann wieder und steckte die Waffe ein.

 

 

Chronologie des Schreckens

1942 Eisplatz, Turnplatz mit Turnhalle und Badegelegenheit: Für den sogenannten Landdienst wurde bereits 1942 ein Holzbarackenlager an der Bahnhofstraße in der Nähe des Jahnsportplatzes errichtet. Vom fertigen Rohbau und dem „denkbar günstigsten Platz, um in der Freizeit Sport auszuüben“ wurde im Burgauer Anzeiger vom 5. Mai 1942 berichtet.

März 1944 bis Februar 1945 Messerschmitt verlagert einen Teil seiner Verwaltung in die Baracken.

Frühjahr 1944 Die Pläne für das KZ werden vorbereitet. Im Juni wird ein Plan der Messerschmitt AG eingereicht, der das „K.Z.-Lager Burgau - Revier“ und den Grundriss der Baracke C zeigt. Der damalige Bürgermeister hatte den Plan im April unterzeichnet, die Ortspolizei hatte dagegen keine „Erinnerungen erhoben“. Der Plan ist im Burgauer Museum zu sehen.

September 1944 Zwangsarbeiter werden im Lager untergebracht. Darauf lässt eine Liste mit 39 Namen von „Ostarbeitern“ vom 30. September 1944 schließen. Es ist nicht bekannt, ob sie vollständig ist.

Februar 1945 Das 36 000 Quadratmeter große Gelände wird für die Funktion als KZ vorbereitet. Rund 120 männliche Häftlinge aus dem KZ Pfersee müssen das wohl erledigen.

Anfang März 1945 Rund 1000 weibliche Häftlinge, überwiegend Jüdinnen aus Polen und Ungarn, kommen in Viehwaggons aus den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Ravensbrück.

24. April 1945 Räumung des Lagers und Transport der Gefangenen mit der Bahn in Richtung Kaufering.

1. Mai bis 15. Oktober 1945 Ausländerlager.

16. Oktober bis 25. April 1946 Inhaftierung von SS-Mitgliedern.

26. April 1946 bis 9. Mai 1946 Das Lager wird nicht mehr genutzt, aber von polnischen und amerikanischen Soldaten bewacht.

10. Mai 1946 bis 8. Juli 1946 Rund 800 Russen, die unter General Wlassow in der deutschen SS gedient hatten, kommen unter.

9. Juli 1946 bis 8. Oktober 1946 Wieder ist das Lager leer, es wird aber von fünf amerikanischen Soldaten bewacht.

Ab 9. Oktober 1946 Überlassung des Lagers an den Flüchtlingskommissar in Günzburg zur Unterbringung von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen. Überwiegend Menschen aus Schlesien und Pommern finden hier eine Bleibe.

1959 Die Baracken werden aufgelöst.

2011 Ein Mahnmal wird aufgestellt und soll an die Menschen erinnern, die im KZ Burgau gelitten haben.

 

Die Liste

Die offizielle Liste über die 1945 verstorbenen KZ-Häftlinge trägt 18 Namen. Rechnet man die Jüdinnen und Zwangsarbeiter hinzu, die nach der Lagerauflösung und dem Kriegsende in Burgau starben, dann sind es 24. Dass es weitaus mehr Menschen gewesen sein könnten, zeigt ein Gerücht. Die frühere Burgauer Stadträtin Anni Riehr kannte es. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, dass die SS „nachts klafterweise tote Juden in den Autobahnsee gekarrt“ habe. Der Menschenverstand sagt, dass deutlich mehr Frauen gestorben sein müssen. Sie kamen schon teilweise schwer krank und unterernährt in Burgau an.

 

Zitate:

Nicht weit unseres Lagers befanden sich Franzosen, sie arbeiteten zusammen mit uns in der Fabrik Messerschmitt. Die Arbeit war schwer. Wir Juden mussten 10 bis 12 Stunden arbeiten. Ich habe nicht mit eigenen Augen gesehen, dass jemand erschossen wurde, die Häftlinge wurden aber auf schreckliche Weise bei der Arbeit und im Lager geschlagen. Basista Majer

Ich glaube, ich war nur 4 bis 5 Wochen in Burgau. In diesem Lager fanden nach meiner Kenntnis keine Misshandlungen oder Tötungen statt. Isaac B. Nittenberg

Es waren einige SS-Leute dort und auch ein deutscher Koch. Die Bedingungen im Lager waren sehr schlecht. Wir bekamen fast kein Essen. Wir arbeiteten nachts in einer Fabrik, die Flugzeuge erzeugte. Ich erinnere mich, dass er [Lagerführer Kullik] während eines Appells drohte, dass er diejenigen erschießen werde, bei denen er ein Schnürsenkel aus elektrischem Draht finden würde. Er hat die Appelle täglich selbst durchgeführt. Izchak Tennenbaum

Bei unserer Ankunft im Lager empfing uns der Lagerführer, ein SS-Mann im Alter von etwa 60 Jahren oder etwas weniger; er war groß, blond und trug eine grüne Uniform, an seinen Dienstrang kann ich mich nicht erinnern. Es gab noch viele SS-Leute, jetzt erinnere ich mich an den Namen eines SS-Mannes und zwar Hainke oder Heinke. Die Frauen waren von uns abgesondert und ein Stacheldrahtzaun teilte unser Lager. Die Bedingungen im Lager waren sehr schlecht. Wir bekamen sehr wenig Brot und ein bisschen Wassersuppe täglich. Abraham Herzberg

 

 

 

„Alleine hätte sie das nicht überlebt“

Holocaust Geschwister hielten im KZ Burgau eisern zusammen. Was sie im geheimen Waldwerk Kuno II arbeiten mussten.

Von Maximilian Czysz

Sie legte sich auf den Boden. Sie konnte nicht mehr. Sie wollte nicht mehr. Einfach nur noch sterben. Das wollte sie. Bluma Goldberg war am Ende ihrer Kräfte. Trotzdem überlebte sie das KZ Burgau - dank ihrer Schwester Cela Miller. Beide mussten im Waldwerk Kuno II arbeiten. Beide hungerten wie die rund 1000 anderen jüdischen Frauen, die 1945 in Viehwaggons aus den Konzentrationslagern Ravensbrück und Bergen-Belsen nach Schwaben gebracht worden waren. Ihre Erinnerungen machen deutlich, wie schlimm die Zustände in den letzten Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs waren.

Im Rüstungswerk im Scheppacher Forst mussten die beiden Schwestern die Nazi-Wunderwaffen anstreichen. Hier ein bisschen Farbe und dort ein bisschen Farbe, erinnerte sich die ältere der beiden Schwestern, Cela Miller. „Es war nicht wirklich Arbeit, wir wussten eigentlich nicht, was wir da taten“, sagte sie vor Jahren in einem einstündigen Interview mit einem US-Fernsehsender. Wenigstens gab es für diejenigen Häftlinge, die im Waldwerk arbeiteten, eine Scheibe Brot zusätzlich. Das heißt: Zwei Scheiben Brot und heißes Wasser mit einem Blatt Kohl darin. „Das war aber besser als in Bergen-Belsen“, sagte Cela Miller.

Dorthin wurden die Schwestern, Jahrgang 1924 und 1926, deportiert, nachdem sie die Lager im polnischen Kielce und Czestochowa überlebt hatten. Ihre Eltern Rachel und Haskell Tishgarten hatten das Unheil, das die Nationalsozialisten bringen würden, kommen sehen. Sie schickten deshalb die 16 und 18 Jahre alten Töchter in die Wälder. In ihre Kleider hatten sie die Ersparnisse der Familie eingenäht. Sohn Kalma ging mit dem Vater in den Untergrund. Die älteste Tishgarten-Tochter Genya blieb mit ihrem Neugeborenen genauso wie die Jüngsten Salah und Yentala bei der Mutter. Bluma und Cela gelang es, sich mehrere Wochen zu verstecken. Dann gaben sie auf und stellten sich. In Kielce mussten sie für die Hugo Schneider AG Munition herstellen. Dann kamen sie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen  - „eine Stätte eines langsamen und qualvollen Massensterbens“, wie Eberhard Kolb in seinem Buch den Ort des Terrors und Grauens beschreibt. Insgesamt starben dort rund 50 000 Menschen. Bluma Goldberg erinnerte sich genau an die Zustände: Die Menschen in ihrer Baracke seien verrückt geworden und hätten ihre Köpfe gegen die Wand geschlagen. Viele führten Selbstgespräche oder lagen apathisch auf dem Boden, so Cela Miller. Dazu viele Krankheiten und kaum etwas zu essen. In Bergen-Belsen wurden die Frauen außerdem selektiert: „Sie wollten sehen, ob du noch arbeiten konntest. Wenn Du 35 bis 40 Jahre alt warst, dann war es schon vorbei“, sagte Cela Miller. Die beiden Schwestern entkamen Bergen-Belsen, „dem Symbol für die “Barbarei des nationalsozialistischen Lagersystems„, so Eberhard Kolb.

Trotzdem reichte ihre Kraft nicht mehr. Cela Miller erinnerte sich noch genau an den Augenblick, als ihre jüngere Schwester nicht mehr vom Waldwerk zurück ins Lager nach Burgau laufen konnte. Sie war zu schwach geworden. “Sie legte sich auf den Boden. Dann hieß es, sie müsse ins Krankenzimmer. Aber ich war sehr beunruhigt, weil ich nicht wusste, was das bedeuten würde.„

Im Lager habe sie dann erfahren, dass ein Mädchen einen Apfel hatte. Cela Miller fragte, ob es ihn gegen ihre Brotscheibe tauschen würde - für Bluma. Und das Mädchen tat es. “Am nächsten Tag kam ich wieder zu Bluma, hörte aber schon, dass wir weiterlaufen.„ Sie habe zu ihrer Schwester gesagt, dass sie jetzt stark sein müsse. “Ich wusste nicht, ob sie das schaffen würde. Alleine hätte sie das wohl nicht überlebt.„ Dann begann der Marsch. Acht oder zehn Stunden lang.“ Cela Miller und eine andere Frau stützten Bluma, schleppten sie mit. „Wenn das jemand gesehen hätte, dann hätte es sicherlich Probleme gegeben.“ Sie erreichten zunächst ein anderes Lager, ehe sie am nächsten Morgen im KZ Kaufering VI standen. Bluma ging es wieder besser, dafür bekam jetzt Cela hohes Fieber. Irgendwann hörten sie die ersten Bomben fallen. Cela Miller dachte sich: „Wenn jetzt ein amerikanischer Soldat kommt und sie rettet, dann küsse ich ihm die Füße.“ Dann stand er plötzlich in der Tür. „Aber ich war zu schwach, um aufzustehen.“

Cela Miller und ihre Schwester kamen ins Lazarett Holzhausen, wo sie von Klosterschwestern gepflegt wurden. Nach Jahren gab es wieder richtiges Essen - Reis und Milch. Die Schwestern aus dem polnischen Pinczów hatten überlebt. Ihre Eltern, die Schwestern und ihr Bruder nicht.

Ihren Vater und ihren Bruder hatten auch die Schwestern Rosalie Wattenberg und Helen Greenbaum verloren. Beide stammten aus Warschau. 35 Jahre nach dem Getto in ihrer Geburtsstadt erfuhren die Schwestern endlich, was mit ihrer Mutter geschehen war. In einem Fernsehbeitrag über das Getto wurde ein Schwarzweiß-Bild eingeblendet. Rosalie Wattenberg erkannte darauf ihre Mutter: Sie stand mit drei anderen Frauen nur mit Unterwäsche bekleidet auf einem Feld voller Leichen. Sofort war klar: eine Massenexekution. Auch ihre Mutter würde unter den Opfern sein. Rosalie Wattenberg und Helen Greenbaum, die 1919 und 1923 geboren wurden, überlebten die Lager in Czestochowa, Skarzysko-Kamienna, Majdanek, Ravensbrück, Burgau und Türkheim. In Dachau wurden sie befreit.

In Oberbayern hatte der Nazi-Terror auch für Sonia Nothman, Helen Greenspun, Regina Garfinkel Muskovitz, Bela Garfinkel Soloway Hurtig und Nathan Garfinkel ein Ende. Ihr Leidensweg führte die Geschwister in verschiedene Arbeitslager. Und 1944 nach Bergen-Belsen. Sonia Nothman erinnerte sich: „Das war die Hölle auf Erden. Überall starben die Leute. Wir hatten furchtbaren Hunger und mussten Schnee essen, um zu überleben. Ich denke, meine Eltern beteten damals für mich.“ In Bergen-Belsen traf die 22-Jährige ihre Schwestern Bela und Regina wieder. Dann wurde sie nach Burgau geschickt. 1983 beschrieb Nothmann in einem Interview das schwäbische KZ: „Die Baracken waren sauber. Um 5 Uhr mussten wir aufstehen. Dann wurden wir zur geheimen Fabrik gebracht. Ich und eine andere Frau mussten die Flugzeuge anstreichen. Alles war im Wald und niemand konnte mit mir reden.“ Die Oberseite musste sie braun und grün anstreichen, die Unterseite blau. „Und dann musste ich mit einer Art Spritzpistole Punkte auf die Oberfläche machen. Für die Arbeit bekamen wir eine Extraration Essen - eine Scheibe Brot. Trotzdem war ich froh, als wir von dort wieder weg kamen.“

 

 

 

Sie haben überlebt

Mary Kleinhandler stammte aus Lódz, wo sie 1921 geboren wurde. Nach dem Getto in Chmielnik in Polen überlebte sie die Lager Czestochowa und Kielce-Hasag in Polen, Bergen-Belsen, Burgau, Türkheim, München-Allach und Dachau. Dort wurde sie befreit.

Walter Plywaski, eigentlich Wladyslaw Plywacki, hatte im Holocaust viele Familienmitglieder verloren. Mit zehn Jahren kam er 1939 ins Getto, mit 15 ins KZ. In der September/Oktober-Ausgabe 2007 des „Jewish Magazine“ berichtete er ausführlich über seinen Leidensweg. Er erinnerte sich an den Hunger im Getto in Lódz, die endlosen Appelle im KZ Birkenau, die täglichen Selektionen, die über Leben und Tod entschieden. Um an eine Extraration Essen zu kommen, hätten sich er und sein Bruder Bill als Zwillinge ausgegeben - sie seien an den Günzburger Arzt Josef Mengele geraten, der Versuche an Menschen durchführte. Ein polnischer Kapo zog Plywaski zur Seite und klärte den Buben auf. Dann schmuggelte er die Brüder aus der Mengele-Baracke. Ein SS-Offizier mit vornehmem Aussehen und einem Bambusstock habe ihn dann zum Transport zu Arbeitslagern in Süddeutschland gelassen - ganz entgegen den Regeln. Denn eigentlich hätte niemand unter 15 Jahren am Leben bleiben dürfen, so Plywaski. Der SS-Offizier sagte ihm, dass die deutschen 15-Jährigen an der Ostfront kämpfen würden, woraufhin Plywaski fragte, wie denn die Burschen aussehen würden, wenn sie so schlechtes Essen wie er bekommen hätten. Der Mann grinste und winkte den Burschen durch.

Plywaski war in verschiedenen Außenlagern des KZ Dachau, auch in Burgau. Sein Vater Maksymilian Jozef Plywaski wurde im KZ Kaufbeuren-Riederloh bei einer Strafaktion kalt geduscht - so lange, bis er nur noch schrie und den Lagerkommandanten wüst beschimpfte. Der habe dann mit einer Schaufel auf ihn eingeschlagen. Zwei Tage später starb der Vater. Er verabschiedete sich noch bei seinem Sohn. „Er hat uns sein letzte Brotration gegeben, die unter seinem Kopfkissen lag.“

Plywaski und sein Bruder kamen ins Hauptlager nach Dachau - das war vermutlich im Januar 1945. Wegen seiner starken Unterernährung hätten ihm zwei Kapos erklärt, dass er jetzt Versuchskaninchen für Malaria-Experimente werden würde. Tatsächlich versuchten die beiden, ihn am Leben zu halten und brachten ihm immer wieder Essen - Brot, eine Scheibe Wurst und hart gekochte Eier. Plywaski: „So etwas hatte ich seit Jahren nicht mehr.“ Am 15. März 1945 kam er ins KZ Türkheim. Dort sei er geschlagen und misshandelt worden, Häftlinge seien an Unterernährung und Seuchen gestorben. Dem 15-Jährigen gelang die Flucht. Alois Epple, der sich mit der Geschichte des Außenlagers befasste, berichtete für die Augsburger Allgemeine: „Als er merkte, dass dies seinem Bruder nicht möglich war, kehrte er heimlich ins KZ zurück.“ Ende März 1945, als die Amerikaner anrückten, wurde das KZ Türkheim evakuiert. Walter Plywaski wurde auf den Todesmarsch nach Dachau getrieben. Mitte April befreiten ihn dann amerikanische Soldaten. Zwei Jahre später kam er in die USA.

Jenny Sztanke, geboren 1925 in Berlin, überlebte das Getto in Lódz und die Konzentrationslager in Czestochowianka, Buchenwald, Bergen-Belsen, Burgau, Türkheim und Landsberg, wo sie befreit wurde.

Rose Weinrib, geboren 1926 in Warschau, überlebte dort das Getto und die KZ Czestochowa, Skarzysko-Kamienna, Majdanek, Bergen-Belsen, Burgau, Türkheim und München-Allach.

Rachela Flug, geboren 1925 im polnischen Czestochowa, überlebte in ihrem Geburtstort das Getto sowie die KZ in Czestochowa-Raków, Bergen-Belsen, Burgau, Türkheim und Dachau. Fluchtversuche scheiterten, ehe sie in Dachau befreit wurde.

Dora Blander, geboren 1916 in Szydlowiec, überlebte in ihrem Geburtsort das Getto und die KZ in Czestochowa, Skarzysko-Kamienna, Ravensbrück, Burgau, Türkheim und Dachau.

Esther Shuftan, geboren 1924 in Albesti in Rumänien, überlebte das Getto in Budapest sowie die KZ in Ravensbrück, Burgau und Türkheim.

Rose Tadelis, geboren 1924 in Skarzysko-Kamienna in Polen, überlebte das Getto in ihrem Geburtstort und die KZ in Czestochowa, Skarzysko-Kamienna, Ravensbrück und Burgau. In München-Allach wurde die befreit.

Lucie Bloch, geboren 1926 in Warschau, überlebte dort das Getto und die Konzentrationslager in Skarzysko-Kamienna, Czestochowa, Bergen-Belsen, Burgau und Türkheim. Sie wurde in Oberrammingen bei Türkheim befreit.

Genia Kerbel, 1924 in Warschau geboren, überlebte in ihrer Geburtsstadt das Getto sowie die KZ-Aufenthalte in Skarzysko-Kamienna, Czestochowa, Majdanek, Bergen-Belsen, Burgau, Türkheim. In Landsberg wurde sie von den US-Streitkräften befreit.

Rose Price, geboren 1928, überlebte das Getto in ihrem Geburtsort in Skarzysko-Kamienna sowie die KZ in Czestochowa, Skarzysko-Kamienna, Buchenwald, Bergen-Belsen, Burgau und Türkheim. In Schwabhausen wurde sie befreit. Ihre Erinnerungen schilderte sie in den USA immer wieder: Mit nackten Händen mussten sie und andere Häftlinge aus gefrorenen Feldern Rüben graben. Ihre Hände hätten fürchterlich geblutet. Weil es nur eine Scheibe Brot und eine Tasse Kaffee am Tag gegeben habe, entschied sie sich, eine Rübe zu stehlen und diese zu essen. Ein Wächter habe sie dabei erwischt und dann mit einer Peitsche ins Gesicht und auf den Rücken geschlagen. Die Zustände in den KZ seien fürchterlich gewesen: Rose Price hatte noch vor Augen, wie die Menschen stundenlang im Schnee aufgereiht stehen mussten. Teilweise nackt und ohne Schuhe. Einmal ging es wohl um ein Experiment, meinte Price: Wie lange würde es dauern, bis menschliches Blut gefriert? Der einzige Grund, warum Rose Price überlebt habe, sei die Tatsache gewesen, dass andere Menschen auf sie gefallen waren und ihre Körper die junge Frau gewärmt hätten. Nach dem Martyrium fühlte sie sich schuldig: Warum habe ich überlebt und andere nicht?

Tola Rosenberg, geboren 1924 in Lódz, überlebte das Getto in ihrem Geburtsort und die KZ in Czestochowa, Czestochowianka, Bergen-Belsen, Burgau und Türkheim. Bei Buchloe wurde sie befreit. Ihr Mann Sol Rosenberg überlebte ebenfalls das Warschauer Getto. Er kam ins KZ Treblinka, wo ihm die Flucht gelang. Er kehrte nach Warschau zurück und beteiligte sich am Aufstand. Trotzdem kam er wieder ins KZ. Er landete schließlich in Dachau. Als er befreit wurde, wog er gerade einmal 30 Kilogramm. Sol Rosenbaum war der einzige Überlebende seiner Familie - er hatte Eltern und Geschwister und mehr als 50 Onkels, Tanten und Cousins verloren. Mit seiner späteren Frau Tola baute er in den USA ein Stahlimperium auf.

Helen Fogel, geboren 1926, überlebte das Getto in ihrem Geburtstort Czestochowa. Sie versteckte sich unter anderem in Kellern. Dann musste sie in die KZ Czestochowa, Ravensbrück, Burgau, Türkheim und Dachau.

Polah Skarshpolah wurde 1922 in Kielce in Polen geboren. Sie überlebte das Getto und die Konzentrationslager in Czestochowianka, Kielce-Hasag, Bergen-Belsen, Burgau, Kaufering/Lager I und wurde in Türkheim befreit.

Olga Astor wurde 1924 in Miskolc in Ungarn geboren. Sie überlebte die KZ in Ravensbrück, Burgau, Türkheim und München-Allach. Einen Tag vor der Befreiung in Allach wurde sie durch Pistolenkugeln verletzt.

Dolah Yakirevits, geboren 1925 in Krakau, überlebte in ihrem Geburtsort das Getto und die KZ Krakau-Plaszow, Auschwitz-Birkenau, Bergen-Belsen, Burgau und Türkeim. In Allach hatte das Martyrium ein Ende.

Alzbeta Schicková, geboren 1927 in Bánovce nad Bebravou in der damaligen Tschechoslowakei, überlebte die Lager in Nováky, Sered, Ravensbrück und Burgau. Im Arbeitslager Nováky hauste die damals 14-Jährige mit ihren Eltern, zwei anderen Familien und zwei Herren in einem Zimmer. Sie musste Mäntel und Wäsche nähen. Im Sammellager Sered sah sie ihren Vater zum letzten Mal - seine Spur endete in Sachsenhausen. Im Dachauer Außenlager Türkheim musste sie Löcher graben. Als die Front näher rückte, wurde sie wie Hunderte andere in Viehwaggons getrieben. Der Zug wurde dann bei einem Luftangriff beschossen. Eine Frau neben Alzbeta Schicková wurde getötet. „Ich hielt ihr hübsches Gesicht noch in Händen.“

Hanah Peltsman, geboren 1922, überlebte die Gettos in ihrem Geburtsort Rejowiec sowie in Zamosc in Polen und die KZ Skarzysko-Kamienna, Czestochowa, Majdanek, Bergen-Belsen, Burgau, Türkheim und Kaufering. Befreit wurde sie in München-Allach.

Rivkah Avramovits, geboren 1928 in Skarzysko-Kamienna, überlebte das Getto in ihrem Geburtsort sowie die Lager in Skarzysko-Kamienna, Czestochowa-Pelzery, Ravensbrück, Burgau, Türkheim und München-Allach. Befreit wurde sie in Dachau.

Pola Suss, geboren 1928 in Krakau, überlebte in ihrer Geburtsstadt das Getto. Auf der Flucht versteckte sie sich in alten Höfen, auf Feldern und im Wald. Sie überlebte die Lager in Krakau-Plaszow, Krakau-Prokocim, Skarzysko-Kamienna, Czestochowa-Warta, Biezanow, Ravensbrück, Burgau, Türkheim und Dachau.

Isaac Nittenberg, geboren 1927 in Lódz, überlebte das Getto in seiner Geburtsstadt sowie die Lager in Auschwitz II-Birkenau, Dachau, Augsburg, Kaufbeuren, Burgau und Türkheim. In Auschwitz musste er Leichen wegschaffen. Als Zeuge sagte er bei den Kriegsverbrecherprozessen aus.

Judy Lachman, geboren 1924 in Tomaszów Mazowiecki in Polen, überlebte die Gettos in Piotrków und Tomaszów sowie die Lager in Czestochowa-Pelzery, Skarzysko-Kamienna, Bergen-Belsen, Augsburg, Burgau, Türkheim und Dachau. Lachmann schaffte es, sich lange zu verstecken, ehe sie aufgegriffen wurde und in eine Munitionsfabrik kam. Sie engagierte sich nach dem Krieg im National Council of Jewish Women in den USA.

Linda Fishman, geboren 1926, überlebte das Getto in ihrem Geburtsort Szydlowiec in Polen und die KZ Czestochowa, Skarzysko-Kamienna, Buchenwald, Bergen-Belsen, Burgau, Türkheim, Dachau und München-Allach. In Buchenwald erkrankte ihre Cousine Dina schwer. Um sie zu retten, hob Linda die Essensration von sechs Tagen auf - sechs Scheiben Brot. Doch die wurden ihr gestohlen. Dina überlebte trotzdem. In einem Buch hielt sie ihre Eindrücke fest.

Adelya Zilbershats wurde 1925 in Warschau geboren. Dort überlebte sie das Getto. Sie überlebte außerdem die KZ in Skarzysko-Kamienna, Tschechowitz, Majdanek, Auschwitz I, Bergen-Belsen, Burgau und Dachau. Sie musste medizinische Experimente über sich ergehen lassen.

Frieda Solnik, geboren 1922 in Zyrardów, war im Warschauer Getto und überlebte Skarzysko-Kamienna, Skarzysko-Kamienna und Czestochowa in Polen sowie Bergen-Belsen, Burgau und Türkheim. In Unterrammingen wurde sie befreit. Mehrmals versuchte sie zu fliehen.

Dora Abend wurde 1927 im polnischen Radzyn geboren. Sie überlebte das Getto in Miedzyrzec und die KZ in Skarzysko-Kamienna, Czestochowa, Majdanek, Bergen-Belsen, Burgau, Türkheim und wurde in München-Allach befreit. Sie sagte als Zeugin bei der Kriegsverbrecherprozessen aus.

Rita Nussbaum überlebte das Getto in ihrem Geburtsort Nowy Korczyn sowie die KZ in Czestochowa, Skarzysko-Kamienna, Kielce-Hasag, Bergen-Belsen und Burgau. Sie versteckte sich auf Höfen, in Feldern, Wäldern und Kellern.

Esther Rosenberg, geboren 1926, überlebte das Getto in ihrer Heimatstadt Warschau sowie die Lager in Czestochowa, Skarzysko-Kamienna, Majdanek, Bergen-Belsen, Burgau und Türkheim. Sie wurde in München-Allach befreit. In einem Fernsehinterview berichtete sie auch über das KZ Burgau, wohin sie mit dem Zug von Türkheim gekommen war. Sie musste mit anderen Frauen die Baracken putzen. Zweimal sagte sie: „Das war so furchtbar. Man kann es sich nicht vorstellen.“ Es war Frühjahr und entsprechend kalt. Und: „Es gab nichts zu essen.“ Sie hatte Tag und Nacht dieselbe Kleidung an und fror. Dann mussten die Frauen nach Dachau laufen. „Wer nicht mehr laufen konnte, wurde getötet.“ In Allach wurde Esther Rosenberg befreit. (mcz, recherchiert auch mithilfe des Holocaust Memorial Museums in den USA)

 

 

 

16 Tage, die „die Hölle beschämen und den Teufel erröten lassen würden“

Tagebuch Die ungarische Jüdin Eva Langley-Dános schrieb auf, was sie im Viehwaggon zwischen dem KZ Ravensbrück und Burgau erlebte. Sie sah, wie ihre Freundinnen starben

Von Maximilian Czysz

Was Eva Langley-Dános erlebt hat, übertrifft jede Vorstellungskraft. Sie gehörte zu den 978 jüdischen Frauen, die im Februar und März 1945 in Viehwaggons gepfercht ins KZ Burgau gebracht wurden. 16 Tage ohne ausreichendes Essen und Trinken. Eiskalte Nächte in der absoluten Finsternis. 16 Tage Angst vor den Fliegerangriffen der Alliierten. 16 Tage, die Frauen durchdrehen ließen und die den Glauben an die Menschlichkeit vergessen ließen. 16 Tage, die „die Hölle beschämen und den Teufel erröten lassen würden“. Das ist die Geschichte von Eva Langley-Dános.

Mit gerade einmal 24 Jahren schließt sie in Budapest ihr Hochschulstudium mit einem Doktortitel in Ökonomie ab. Schon ein Jahr später - die Nazis besetzten Ungarn im März 1944 - wird sie deportiert. Auch ihre Freundinnen Hanna Dallos, Lili Strausz und Klara Erdélyi kommen ins KZ.

Sie halten zusammen, sie unterstützen sich, um die endlosen Appelle im KZ Ravensbrück zu überstehen. Tausende Frauen, in Fetzen gekleidet, die gegen die Kälte mit ihren Füßen aufstampfen. Viele brechen zusammen. Sinnlose Arbeiten müssen sie verrichten und sich in der dreistöckigen Schlafkoje zu viert einen schmalen Strohsack teilen. Über 1000 Frauen in einer Baracke. Zu essen gibt es einen halben Becher dünne Suppe und etwas Brot. Dazu Millionen Läuse und immer wieder Peitschenhiebe der Aufseher. So beschreibt es Eva Langley-Dános. Es wird nicht besser, als die Freundinnen für den Arbeitseinsatz im mehr als 700 Kilometer entfernten Burgau ausgewählt werden. Als der Zug voll ist - 75 Frauen jeweils in den kleinen, 110 in den größeren Viehwaggons -, beginnt für viele eine Reise in den Tod.

Tag 1 In der Dunkelheit der ersten Nacht beginnt ein Gerangel - da wird gestoßen mit den schweren Holzschuhen an den Füßen, da wird geboxt, um sich etwas Platz zu verschaffen im Waggon, der einen schmutzigen harten Boden ohne Stroh hat. Die einzige Belüftung ist der Ausguck des Bremsers. Langley-Dános schreibt: „Wir pressen uns aneinander, und wie so oft in unserer Lagerexistenz suchen wir Schutz beieinander.“

Tag 2 Für die Notdurft der 75 Frauen gibt es einen Blecheimer. Die Budapester Freundinnen lesen in einem französischen Messe- und Gebetsbrevier, das sie im KZ auf einem Müllhaufen gefunden und in ihren Schuhen versteckt hatten. Darin heißt es: „Wir sind wie Sterbende, und seht, wir leben, wir werden gezüchtigt und doch nicht getötet. Wir haben nichts und haben doch alles.“ Der Blecheimer fließt über, nachts beginnt das Gerangel wieder. Langley-Dános schreibt: „Es gelingt mir, einen schwachen Schrei auszustoßen, aber wer sollte ihn in dieser Hölle hören?“

Tag 3 Der Zug hält irgendwo an. Stunden vergehen. Dann wird ein Eimer mit Wasser in den Waggon gebracht. In der Nacht wieder Krawall. Eine Frau kriecht auf allen vieren herum und beißt alle, die sich ihr in den Weg stellen.

Tag 4 Viele Frauen haben vom kalten Plankenboden Frostbeulen bekommen. „Wir mussten unsere Holzschuhe ausziehen, um so weitere schwere Verletzungen in den Schlägereien zu vermeiden. Die Frauen frieren.“ Dazu Hungerkrämpfe.

Tag 5 Kein Wasser, ein überfließender Latrineneimer und Frauen, die nach den qualvollen Nächten erschöpft in die Leere starren. Langley-Dános: „Zu müde, etwas zu sagen, geschweige denn, zu schreien.“ Nachts hält der Zug, der Eimer wird geleert und eine Handvoll Mangelwurzelrüben in den Waggon geworfen. Langley-Dános kümmert sich um die zierliche Lili Strausz. Wieder „verwandelt die Nacht die Frauen in Tiere“. Die schweren Frauen werfen sich einfach auf die Schwachen.

Tag 6 Der Zug hält, ein Bombenangriff. Die SS-Aufseherinnen fliehen in einen Luftschutzkeller. Die Waggons mit den KZ-Frauen werden zum Ziel. Eine Stunde Todesangst. Kugeln durchschlagen den Waggon, Frauen sterben. Klara Erdéyis Zustand verschlechtert sich. „Eine fast durchsichtige Haut spannt sich über ihre Gesichtsknochen.“ Später wieder ein Bombenangriff, der Zug hält an. Die Schreie nach Wasser werden immer lauter.

Tag 7 „Nur noch Hunger, Durst und Ellbogen herrschen.“ Doch der Güterzug schwankt so sehr, dass die Nacht relativ ruhig verstreicht.

Tag 8 Hanna Dallos liegt im Kot, Lili Strausz kann sich nicht mehr erheben. Langley-Dános: „Alle kümmern sich nur um sich selbst, ohne Bereitschaft, ihre schwindende Kraft für andere zu verschwenden.“ Der Zug steht still, es ist ein warmer 24. Februar. Zum Dreck, dem Gestank, der Enge, dem Lärm und dem Kampf kommt der mangelnde Sauerstoff. Eine Frau im Waggon, Franka, ruft auf: „Wir müssen überleben.“ Sie schlägt vor zu singen. Langley-Dános: „Franka hat die Menschlichkeit in all den gekrümmten Elenden angesprochen und wachgerufen.“

Tag 9 Der Zug hält in einem Dorf. Bewohnerinnen kommen mit Suppentöpfen und Brotlaiben. Doch die SS-Aufseherin schickt sie weg. Stattdessen werden Kartoffeln verteilt. Lili Strausz ist glühend heiß, ihr Körper brennt vor Fieber.

Tag 10 Der Zug wird wieder aus der Luft angegriffen. Danach werden die Türen geöffnet. Wer kann, steigt hinunter. Es gibt Kartoffeln, vermutlich die Reste vom Vortag. Eine der Freundinnen kann ihre Notdurft nicht mehr halten, Eva Langley-Dános bricht - ihren eigenen Aufzeichnungen zufolge - vor Erschöpfung zweimal zusammen.

Tag 11 Die Lebenskraft von Lili Strausz schwindet. Einmal hält der Zug, die Latrinenkübel werden geleert. Das übernehmen die noch stärkeren Frauen. Sie reichen außerdem Wasser. Doch nur den robusteren Frauen gelingt es, ihre leeren Dosen zu füllen. Die Budapester Freundinnen gehen leer aus. Klara Erdélyi ist am Ende, sie fällt ins Koma. Langley-Dános versucht, sie mit etwas Wasser und einer Kartoffel zu retten. Dann stirbt sie.

Tag 12 Jeden Tag fragen die SS-Schergen: „Wie viele Tote?“ Jeden Tag werden es mehr. Klara Erdélyi verschwindet als nacktes Skelett - andere Frauen haben ihr die Kleider ausgezogen. Für ihren Kamm und ihre Zahnbürste gibt es Wasser für Lili Strausz. Die hat walnussgroße gelbbraune Pusteln bekommen -Typhus.

Tag 13 In der schlimmsten Nacht der Fahrt - eine zierliche Frau wurde „zertreten, gestoßen, erdrückt“ - ist Hanna Dallos gestorben. Langley-Dános schreibt: „Ihre Augen sind starr geöffnet, ihr Gesicht von Todesflecken verunstaltet.“ Sie wird aus dem Waggon gehoben, als er in Bayreuth hält. Das Rote Kreuz verteilt Suppe. Am nächsten Morgen sind es trotzdem fünf Tote.

Tag 14 Lili Strausz „besteht nur noch aus Geschwüren, Eiterungen und Schmutz“. Langley-Dános: „Sie spricht nicht mehr, und ich habe keine Kraft mehr, ihr Gesicht zu mir zu drehen.“ Beide kommen in einen anderen Waggon, der in Bayreuth an den Zug gehängt wurde. In der Nacht stirbt Lili Strausz.

Tag 15 Eva Langley-Dános verteilt, was ihre beste Freundin hinterlassen hat. Sie klagt: „Ich bin allein gelassen worden.“

Tag 16 Fünf Tote im Waggon, dann Ankunft im Morgengrauen. Es ist der 4. März 1945. Augsburg steht auf dem Bahnhofsschild. Dann geht es nach Burgau. Viele Gefangene können sich nicht mehr auf den Beinen halten. Schnee liegt. Die Frauen stapfen ins Lager. Langley-Dános nimmt den einfachen Stacheldraht wahr und „vier Baracken“. Sie ist erleichtert, als sie hört, dass nur 92 Frauen in einem Raum zusammenleben müssen. Eine Mitgefangene kümmert sich um die Budapesterin: Sie flößt ihr heißen schwarzen Kaffee ein und füttert sie mit einem Margarinebrot. „Ich bin halb tot - aber auch halb lebend.“ Sie nimmt auch die Folgen des Transports wahr: „Tag für Tag enden mehr von uns auf dem Totenwagen. Die Leichen mit Blättern bedeckt, wie es im Lager Burgau üblich ist, fährt der Lastwagen seine traurige Fracht zum nahe gelegenen Krematorium hinüber.“ Darunter befinden sich nach den Aufzeichnungen auch die beiden „Susans, Olga Radó, die im Waggon wild beißende Frau und zwei Schwestern namens Roth“.

Weil die Frauen des Ravensbrück-Transports zu schwach sind, können sie im Kuno-Werk nicht arbeiten. „Wir verrichten gar keine Arbeiten, und demzufolge lässt man uns auch hungern. Zum Frühstück gibt’s eine große Tasse Ersatzkaffee, zum Mittagessen eine Schale heißes Wasser, zum Abendbrot eine Tasse Kaffee und 120 Gramm Brot.“ Eva Langley-Dános sieht ihre Freundin Lili Strausz ein letztes Mal. Auf einer Fotografie. Eine SS-Frau zeigt es her. Sie sollen mehreren Bildern von Leichen Namen zuordnen, weil offenbar bei der Vielzahl der Toten die Personalien durcheinandergeraten sind.

Eva Langley-Dános überlebte den Holocaust. Nach einigen Jahren in Frankreich wanderte sie nach Australien aus. „Gefängnis auf Rädern“ hat sie ihre Aufzeichnungen genannt, die im Daimon-Verlag erschienen sind. Ein Benediktinermönch riet ihr unmittelbar nach der Befreiung am 29. April 1945, alle Erinnerungen an die schicksalhafte Reise aufzuschreiben. Nur noch 26 Kilogramm wog sie, als sie im Lazarett in St. Ottilien wieder zu Kräften kam. Die Budapesterin kritzelte in ihrem Spitalbett alles über die Zugfahrt mit Bleistift auf Papier und verfasste damit ein erschreckendes Zeitzeugnis. Es führt die Gesetzlosigkeit und die Brutalität des Dritten Reichs vor Augen und macht betroffen. Für Langley-Dános war es eine Befreiung: „Sobald ich den vergifteten Stoff aus meiner Seele heraus aufs Papier warf, tauchten die Erinnerungen nicht mehr in Form von Albträumen auf.“

 

 

 

Der Grundriss der "Baracke C" im KZ Burgau

Wer Kabel einsteckt, der wird erschossen

Oberscharführer Johann Kullik leitete das KZ Burgau. Warum er eine vergleichsweise glimpfliche Strafe erhielt

Was die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge im Wald bei Zusmarshausen und im KZ Burgau erlebten, haben sie zeitlebens nie vergessen. Ihre seelischen Wunden verheilten nie. Ein schwacher Trost mag da die juristische Aufarbeitung gewesen sein: Der Leiter des Konzentrationslagers Johann Kullik musste sich in Dachau verantworten. Er kam am Ende aber vergleichsweise glimpflich davon.

Kullik wurde 1947 mit dem Lagerleiter Mathias Josef Peter Kreber angeklagt. Vorgeworfen wurden ihnen Verbrechen in den Lagern Dachau, Haunstetten, Pfersee, Burgau, Wertingen und Dillingen. In der Anklageschrift heißt es, dass Kullik zuerst im Außenlager Pfersee gearbeitet hat, dann ab dem 20. Februar 1945 in Burgau. Am 20. März sei ein Transport von Frauen aus Bergen-Belsen und Ravensbrück angekommen. Kullik bezeichnete Burgau in einem Verhörprotokoll als „Ausweich-Lager“. Dort hätten sich rund 1000 Frauen und 50 Männer befunden, „überwiegend Polen, Franzosen und Juden“. Die Frauen hätten nicht mehr in Dachau untergebracht werden können, deshalb hätten die Messerschmitt-Werke „ein paar Baracken zur Verfügung gestellt“.

Laut Anklage hatte Kullik Essen für die Häftlinge abgelehnt, das Bauern angeboten hätten. Einmal schmiss er bereits gekochtes Essen hin. Die Häftlinge bräuchten das nicht, soll er gesagt haben. Im Prozess bestritt er das. Er habe mehrmals Kartoffellieferungen für das Lager in Auftrag gegeben. Außerdem habe er alle Toten gemeldet und einen Arzt aufs Gelände geschickt – im Wissen, dass er damit seine Vorschriften verletzt. Er habe geholfen, die Zustände im Lager zu verbessern. Ein Burgauer Apotheker sagte aus, dass Kullik zusätzliche Medizin für die Häftlinge bestellt hätte. Außerdem sei er zu einem Pferdemetzger gegangen, um zusätzliche Rationen Fleisch zu bekommen.

Angeblich soll Kullik auch gedroht haben, jeden zu erschießen, der Draht aus dem Flugzeugbau einsteckt. Im Verhör, das auf sieben Seiten protokolliert worden war, ging es vor allem um die Vorkommnisse im Lager Pfersee. Kullik soll dort an der Hinrichtung von zwei Russen teilgenommen haben. Der 1898 geborene SS-Oberscharführer behauptete, dass die beiden Häftlinge während eines Filegerangriffs geplündert hätten. In dem Lager soll außerdem der Älteste, der „Chocolate“ gerufen wurde, andere Insassen geprügelt haben. Kullik hätte die Gewaltexzesse verhindern können, hieß es. Er tat es aber nicht.

Der Arzt Dr. Karl Schäffer, der Stadtkämmerer Albert Gutmann und einige andere Burgauer entlasteten Kullik. Das ist einem Schreiben von Dr. Fred Frankl zu entnehmen. Der Übersetzer berichtete Schäffer vom Ausgang des Verfahrens. „Die Strafe ist weit milder ausgefallen als wir es nach der bisherigen Praxis in solchen Fällen erwartet hatten. Ihre Aussage und der anderen Herren von Burgau ist von dem Gerichtshof offenbar voll gewürdigt worden, während die Aussagen der Belastungszeugen durch ganz offenkundige Übertreibungen entwertet waren.“

Mit fünf Jahren Gefängnis kam er schließlich besser weg als der mitangeklagte Lagerleiter Kreber – der musste nämlich elf Jahre ins Gefängnis.

Es gibt einen weiteren Angeklagten, der in Burgau gewesen sein soll: Johann Batoha.

Dem Österreicher, damals 47 Jahre alt, wurde vorgeworfen, als SS-Wächter an den Grausamkeiten des Dritten Reichs teilgenommen zu haben. Er war laut Anklageschrift zunächst in der Wehrmacht und kam dann zur SS. Nach einer Zeit im KZ Dachau musste er nach Augsburg. Vom 12. Dezember 1944 bis 4. April wurde er in Burgau eingesetzt. Batoha sagte, dass er niemals gesehen hat, dass Gefangene in Dachau geschlagen oder schlecht behandelt wurden. Er habe auch niemals selbst geschlagen oder jemand zur Bestrafung angezeigt. Batoha wurde zu zwei Jahren verurteilt.

Auf der Wunderwaffe gesessen

Der „Schrecken“ des Lagers Türkheim auch in Burgau

Josefine Rippl hatte eine gespaltene Persönlichkeit: Sie war unbarmherzig gegenüber Jüdinnen und freundlich zu Einheimischen

Holocaust-Überlebende erinnerten sich an ihren Knüppel aus geflochtenen Elektrokabel. Damit schlug sie die SS-Aufseherin Josefine Rippl, geborene Diegruber, zu. Sie war KZ-Aufseherin im Lager München-Perlach, in Burgau und Türkheim. Der Holocaust-Überlebende Jeno Eisenberg belastete die SS-Angehörige schwer. Was er eidesstattlich gegenüber der Spruchkammer IV in München zu Protokoll gab, zeichnet das Bild einer Frau mit einer gespaltenen Persönlichkeit.

Jüdischen Häftlingen begegnete sie mit Gewalt, Einheimischen dagegen mit aller Freundlichkeit.

Im Dezember 1944 leitete Rippl einen Transport mit etwa 300 Frauen von Burgau nach Türkheim. Bei der Ankunft befahl sie den Frauen, sich auszukleiden. Sie nahm ihnen nach den Aussagen von Eisenberg alle Wäsche weg – bis auf ein leichtes Kleid.

Bemerkte sie, dass inhaftierte Männer den Frauen halfen, dann schlug sie zu: Frauen hätten das Bewusstsein verloren oder starben sogar nach den Schlägen mit dem Knüppel. Jeno Eisenberg bezeichnete sie als „Schrecken des Lagers“, was Alois Epple in seiner Aufarbeitung der Geschehnisse im KZ Türkheim wiedergibt.

Rippl habe nicht nur Frauen misshandelt, sondern sie ohne Rücksicht auf ihren gesundheitlichen Zustand zur Arbeit getrieben. Nach den Anschuldigungen von Eisenberg habe die SS-Aufseherin auch Frauen mit Knochenbrüchen zur Arbeit gezwungen. Die Arbeiten seien so schwer gewesen, dass sie selbst Männer kaum hätten erledigen können.

Auf der anderen Seite sei Rippl öfters bei einer Familie in der Nähe des Türkheimer Lagers gewesen und habe freundliche Gespräche geführt.

Ob die SS-Frau jemals zur Rechenschaft gezogen wurde, ließ sich bislang nicht herausfinden. Erhalten ist im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau allerdings ein Schriftverkehr zwischen den deutschen Behörden und einer jüdischen Opferorganisation. Die hatte die Eisenbergs eidesstattliche Erklärung übergeben und sich nach dem Stand des Verfahrens erkundigt. (mcz)

Drähte für Bürsten und Plexiglas fürs Feuer

Hubert Hartmann und Franz Raiser erinnern sich, wie sie als Buben die zerschossenen Düsenjäger untersuchten

Viele Buben aus der Gegend pilgerten nach Kriegsende zum Kuno-Werk. Jeder wollte die Düsenjäger sehen, auf die es Tiefflieger abgesehen hatten. Den Angriff hatte Hubert Hartmann aus Gabelbach selbst miterlebt. Er erinnert sich noch lebhaft daran. Denn beinahe wäre er dabei umgekommen.

Der Neunjährige war gerade auf einem Acker und suchte Feldsalat. Die Tiefflieger drehten nach dem ersten Beschuss der Me 262 des Geheimwerks über Gabelbach eine Schleife. Und eine weitere Schleife – Hartmann ahnte, dass es ihm an den Kragen gehen würde. Er rannte um sein Leben und warf sich hinter einen Haufen. So überlebte er. Überall im Feld schlug es ein. Rund 15 Tiefflieger hatten das Feuer auf das Kuno-Werk eröffnet. Hartmann erinnert sich auch an Flugblätter, die damals von den Fliegern abgeworfen worden waren. Auf ihnen stand: „Wir sind die lustigen acht, wir schießen auf alles Tag und Nacht.“

Davon ließen sich die Buben nicht einschüchtern, als der Krieg vorbei war und die zerschossenen Düsenjäger auf der Autobahn untersucht werden wollten. Ausgebaut wurden nach Hartmanns Erinnerungen das gut brennende Plexiglas der Cockpit-Scheibe und kleine Drähte der Motoren. Mit ihnen stellte Hartmann dann Bürsten her. An die 20 deutsche Düsenjäger seien damals auf der Reichsautobahn zwischen Zusmarshausen und Burgau gestanden. Hartmann war von 1966 bis 1978 Bürgermeister von Gabelbach.

Als 14-Jähriger ist auch Franz Raiser zum Waldwerk geradelt. Er erinnert sich an den betonierten Mittelstreifen, der als Start- und Landebahn für die Flieger diente. 12 bis 15 Düsenjäger seien dort gewesen. Links und rechts der Autobahn befanden sich betonierte Stellflächen von 15 auf 20 Metern Größe. Im Waldwerk direkt war Raiser nicht – die Wachen des US-Streitkräfte hatten die Buben verscheucht.

Den Angriff der Tiefflieger hatte auch Raiser miterlebt – vom Garten der Eltern aus. Er war gerade erst wieder heimgekommen. Er hatte das größte Abenteuer seines noch jungen Lebens hinter sich (siehe Kasten). Raiser erinnert sich, dass die Buben früher Pumpen der Me 262 ausgebaut hatten.

Teilweise ging es zum Abtransport mit Heuwagen in den Wald, berichtet Anton Kindig in der Glöttweng-Ortschronik So habe sich schnell viel aufladen und fortschaffen lassen: Geschirr und die Kücheneinrichtung der Kantine zum Beispiel, oder Werkzeuge, Maschinen und Motoren aller Art bis hin zu Fertigteilen. Einige Zeit nach dem Krieg seien auch frühere Messerschmitt-Mitarbeiter wieder gekommen, um noch Teile einzusammeln. Die US-Soldaten waren zu dieser Zeit schon wieder weg, so Kindig. Laut Zeitzeuge Philipp Lutz, der mit seinen Kameraden Ludwig Waschhauser, Georg Hohenögger und Horst von Anwander zu den Flugzeugen schaute, sei das Gelände nur einige Tage nach dem Einmarsch bewacht worden.

Auf der Straße erinnerte noch längere Zeit ein „Silbervogel“ an das geheime Kuno-Werk: So wird in der Glöttweng-Chronik der Bus genannt, der nach dem Krieg silberfarben lackiert war. Er wurde im Krieg eingesetzt, um Arbeiter, Monteure oder Ingenieure ins Kuno-Werk zu bringen. Die Polster waren mit Seegras gestopft und die Sitze mit einem olivfarbenen Tuch bespannt. Offenbar war er mit dem Einmarsch der Amerikaner ausgebrannt, doch dann wieder von einem Burgauer Unternehmen fahrbar gemacht und als Linienbus eingesetzt worden. (mcz)

Verschlusssache Kuno II

Bevor das Moos ein dunkles Kapitel Geschichte im Wald komplett verschwinden lässt: Hobbyhistoriker Daniel Geiger aus Jettingen hat im Kuno-Wald einen Verschluss gefunden, der von einer Me 262 stammt. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege warnt derweil dringend davor, auf dem Areal auf Schatzsuche zu gehen. Es sei davon auszugehen, dass sich noch Munition und Gefahrstoffe im Boden befinden. Ohne denkmalrechtliche Erlaubnis sei es außerdem verboten, zu graben und Funde zu entnehmen.